Freitag, 7. Oktober 2011

Shōtōkan Stock Lehrgang in Basel, Schweiz

Für den 5. und 6. November 2011 erhielt ich eine freundliche Einladung in die Schweiz, nach Basel, um dort einen Karate-Lehrgang abzuhalten. Thema dieses Lehrgangs wird der Stock ( bzw. Kon) aus dem Shōtōkan sein.

Samstag Vormittag starten wir mit einem Vortrag zu den geschichtlichen, philosophischen und technischen Hintergründen des Stocks aus dem historischen Shōtōkan-Dōjō (1938-1945).

Dann folgt das schrittweise Erlernen des Ablaufs der Kata Shūji no Kon, welche im Shōtōkan-Ryū die Kihon-Gata mit dem Stock darstellt. Trainingsziel ist, daß jeder Teilnehmer den Ablauf nach dem Wochenende drauf hat, um ihn danach allein und seiner Shōtōkan-Ausprägung gemäß weiterüben zu können.

Natürlich führen wir zur Unterstützung jede Menge Partnerübungen durch, so daß nicht nur die Technik selbst klar wird, sondern auch die technische Verbindung von Stock und leerer Hand im Shōtōkan-Ryū.

Der Lehrgang dient der Einführung in das Thema, d.h. vor allem ist er für Karateka gedacht, die noch keine Erfahrungen mit dem Shōtōkan-Stock besitzen. Grundsätzlich sind Mitglieder aller Shōtōkan- und Shōtōkai-Gruppierungen willkommen. Jedoch sollten die Teilnehmer keine Anfänger sein und zumindest die Abläufe der ersten drei Heian-Formen kennen. Ein eigener (ca. 1,82 m) wäre auch mitzubringen.


Zeitplan:


Samstag
9:oo - 12:oo Uhr und 14:oo - 17:oo Uhr


Sonntag
10:oo - 13:oo Uhr

Trainingsort:

Turnhalle Missionsstrasse 21
4055 Basel
Schweiz

Fragen können gerne an mich oder an den Veranstalter gerichtet werden.

© Henning Wittwer

Donnerstag, 18. August 2011

Die Gōrei-Krankheit

Gōrei“ ist ein cooler, japanischer Begriff, der soviel wie „Kommando“ bedeutet. Gōrei sind häufig Zahlen, die im Kommandoton in Richtung der Karate-Schüler schallen. Etwa so:

Ichi ! – Ni ! – San ! – Shi ! – Go !“

Oder:

Ichi ! – Ni ! – San ! – Kiai !”

Natürlich können sie auch auf Deutsch gegeben werden (aber japanische Zahlen klingen irgendwie kompetenter…). Wahrscheinlich weiß jeder Karateka, was mit Gōrei gemeint ist. Daß Gōrei im Karate historische Gründe haben, erklärte ich schon an anderer Stelle und ich möchte sie hier nicht wiederholen.

Ich selbst lernte regelrecht von einem japanischen Sensei, wie ich (seiner Ansicht nach) ordentliche Gōrei zu geben habe, also in welcher Lautstärke, in welchem Tonfall, in welchem Timing in bezug zu den Schülern und in bezug zu meiner eigenen Technik.

Gōrei können unglaublich gut dabei helfen, unmotivierte Leute anzuheizen, eine Trainingsgruppe zu motivieren, die Laune und die Aufmerksamkeit zu steigern. Mit richtig eingesetzten Gōrei kann ein Rhythmus kreiert werden, Techniken sehen und fühlen sich zackiger oder auch kontrollierter an. Ein Karateka, der gut mit Gōrei umgehen kann, steht mit seinen Kommandos einem Drill Instructor kaum mehr nach. Und weil Gōrei so toll sind, müßte mal jemand auf die Idee kommen, einen Tonträger mit Gōrei auf den Markt zu bringen – „Karate mit Beats“ oder so ähnlich…

Wie auch immer. Nachdem ich bei meinem Karate-Lehrer anfing, war eines der ersten Dinge, das er bei mir diagnostizierte, etwas, das ich mal als die „Gōrei-Krankheit“ bezeichnen möchte. Gōrei fressen sich unmerklich in den Körper und den Geist eines Karateka. Einmal befallen, gibt es nur eine Möglichkeit, sich von den Symptomen zu befreien: Nie wieder Gōrei verwenden, weder aktiv, noch passiv! Aber dies geht – und das schreibe ich aus leidiger Erfahrung – nur sehr langsam und mühevoll.

Das Weglassen der Gōrei selbst ist relativ einfach (also wenn man sich nicht gerade innerhalb eines Umfeldes, das von Größen des Sport-Karate oder seiner Institutionen geprägt ist, bewegt). Doch die Symptome der Gōrei-Krankheit lassen sich nur sehr mühselig beseitigen. Wie genau diese Symptome aussehen, soll an anderer Stelle besprochen werden. Jetzt nur soviel: Die Gōrei-Krankheit wirkt sich auf die technische Wirksamkeit des Karate aus – und zwar ganz grundlegend. Sie behindert oder verhindert – abhängig von der Zielstellung des Keiko selbstverständlich – technischen Fortschritt.

Genau deswegen haben Gōrei keinen Platz im Karate meines Sensei und damit in meinem Karate.

Wichtig wäre noch festzuhalten, daß Gōrei ganz klar „nur“ ein Stein innerhalb eines – im Idealfalle – in sich schlüssigen Lehrgebäudes sind. D.h., nur durch ihre Beseitigung allein entsteht nichts, das plötzlich mehr Güte oder Wert hätte. Dennoch hat jeder Stein im Lehrgebäude eine Bewandtnis oder besser eine Wirkung, die sich positiv oder negativ bei der angestrebten Verwirklichung meines Trainingsziels bemerkbar macht.

© Henning Wittwer

Dienstag, 12. Juli 2011

Shūji no Kon: Die grundlegende Stock-Kata im Shōtōkan-Ryū

Nachdem ich bereits ein paar Worte zu den Kata Hangetsu und Tekki verloren habe, möchte ich mal auf Shūji no Kon zu sprechen kommen. Shūji no Kon ist eine Kata, die den Umgang mit dem Kampfstock (Kon oder ) schult. Diesbezüglich ist sie die Kihon-Gata im Karate-Dō Shōtōkan Ryū. Wenn also ein Karate-Schüler im Shōtōkan-Ryū an den Umgang mit dem Stock herangeführt wird, geschieht dies zu Beginn mittels Shūji no Kon.

Wie alle Kata innerhalb des Shōtōkan-Ryū verfügt Shūji no Kon über bestimmte systemimmanente Merkmale, die sie von den Versionen anderer Ryūha (oder Organisationen) unterscheidet. (Ich erwähne das, weil ich schon öfter gefragt wurde, ob es denn Unterschiede zwischen der Shōtōkan-Fassung und anderen Shūji no Kon gibt.)

Und genau dieser Punkt macht die Sache so faszinierend und wertvoll!

Jedenfalls gehört – wie bei allen Kihon-Gata – die geringe Anzahl an Bewegungen zu ihren Attributen. Tsuki und Uchi-Komi sind die ersten Techniken mit dem Stock, die ein Neuling mittels dieser Kata lernt. Die Stände, Fußbewegungen, der „Karate-Körper“ usw. bleiben dabei dieselben, wie bei den Kata ohne Stock. Und es wäre widersinnig, wenn dem nicht so wäre.

Gleichzeitig dürfte dem Neuling dabei ein weiterer, fundamentaler Unterschied zwischen Budō und Sport klar werden. Plötzlich wird mit einer Waffe trainiert, die richtig wehtun und gefährlich werden kann. Da ist nämlich ein Unterscheid zwischen einem blauen Auge, das ich mir „im Ring“ einfange, und einer Stockspitze, die sich in mein Auge (oder das des Gegners) bohrt… Allein für diese Erkenntnis würde sich die Übung von Shūji no Kon lohnen.

Ein weiteres technisches Merkmal ist die „Einseitigkeit“ dieser Kata. D.h., während der gesamten Kata befindet sich meine rechte Hand vorn am Stock und dieser Griff wird nicht gewechselt.

Im Shōtōkan-Ryū gilt die Formel „leere Hand als erstes, Waffen später“. Also sollten Karateka zuerst die Kihon-Gata Taikyoku, Heian und Tekki lernen und danach mit Shūji no Kon fortsetzen. Erfolgt der Lernprozeß nicht Schritt für Schritt, kann ein Lernerfolg fraglich werden oder ganz ausbleiben.

Schließlich ist vielleicht noch der Stock selbst nicht ganz unwichtig. Obwohl eigentlich jede -Form (die mehr oder weniger 1,82 m lang sein sollte) verwendet werden kann, war die im historischen Shōtōkan (1938-1945) bevorzugte eine mit dünner werdenden Enden, bei der folglich die Mitte den größten Durchmesser hat. Es sollte sich um einen einsatztauglichen, schweren Stock handeln und nicht um ein dünnes, leichtes „Wettkampfmodell“. Letzteres wäre dem eigentlichen Training im Budō-Karate schlicht nicht zuträglich.

© Henning Wittwer

Sonntag, 19. Juni 2011

Training in Freiberg

Einer meiner Trainingspartner, Rico Fuchs, studiert in der schön gelegenen Stadt Freiberg. Nicht zufällig begab ich mich also vergangene Woche mit zwei weiteren Mitgliedern unserer Gruppe in diese sächsische Universitätsstadt. Als Sahnehäubchen sollte unserem gemeinsamen Training dort wunderbares Wetter aufgesetzt werden.

Ausgangspunkt unseres Keiko bildete die Kata Kankū, der wir Sakugawa no Kon folgen ließen. Im Partnertraining nutzte ich die Anfangsbewegung aus Kankū, den Tsuki no Maru, um die Verbindung zwischen Kata und Kumite zu festigen. Selbstverständlich meine ich damit nicht, daß wir uns dem „Bunkai“ hingaben. Nein, wirklich nicht!


Vielmehr hilft diese Bewegung beim Finden und Einstellen des „Karate-Körpers“, wie es Harada Sensei nennt. Dabei gibt es unglaublich viel zu beachten und auszufeilen und falsch zu verstehen. Einziger Ausweg: Üben, Nachjustieren, Um-die-Ecke-denken, weitertrainieren…

Hinzu kam, darauf aufbauend, schließlich noch die Problematik des Einschlagtimings. Karate-Körper und Timing sind zwei Elemente für eine wirksame Technik. Alles in allem sehr viel Stoff und doch nur ein Bruchteil unseres Lehrgebäudes.

Anbei ein, zwei Bilder, die einen kleinen Eindruck von unserem Keiko in Freiberg vermitteln.

Motiviertes und intensives Training!

© Henning Wittwer

Freitag, 10. Juni 2011

Osae

Jedes Training – selbstverständlich auch das Karate-Training – steht auf einer theoretischen Basis. Technische Fertigkeit (Waza) beruht im Karate ebenso auf einer theoretischen Basis. Das Verständnis einer solchen theoretischen Basis ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, technischen Irrwegen und Sackgassen aus dem Weg zu gehen. Und fraglos hilft es auf die eine oder andere Weise bei der eigentlichen körperlichen Umsetzung.

Auf meinen Karate-Wanderungen stellte ich fest, daß alle der besseren japanischen Sensei ein solches theoretisches Gerüst im Hinterkopf hatten. Einige hielten sich nur daran, ohne es in Worte zu fassen. Andere hielten sich daran und versuchten, es gleichzeitig in verbaler Form zu vermitteln. (Ich formulierte die letzten Sätze so, weil es leider auch Leute gibt, die vor allem in der Theorie zu Hause sind. Aber das ist ein anderes Thema…)

Nun ist ein ziemlich wichtiger Punkt der der Krafterzeugung, die Frage also, wie bekomme ich Bums! hinter meine Waza. In den Shōtōkan-Richtungen existiert dafür in der Theorie eine schlicht klingende, öfter zu hörende Formel: „Druck zum Boden.“ So oder ähnlich wird diese Theorie in Worte gefaßt. Noch kürzer ist Osae.

Obwohl nun Lehrkräfte scheinbar aller Shōtōkan-Gruppierungen diese Theorie als Lehrsatz gebrauchen, unterscheidet sich die körperliche Umsetzung von Sensei zu Sensei. Oder sie unterscheidet sich von Gruppierung zu Gruppierung. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen, doch er ist vorhanden.

O.k., hier taucht ein Problem auf. Ich borge mal schnell das Klischeebild vom „leeren Becher“. Wie viele Karateka gingen oder gehen mit einem wirklich „leeren Becher“ in das Training eines fremden Sensei? Eben! Häufig sind starrsinnige oder unbeholfene Ignoranz und Besserwisserei die liebgewordenen Begleiter im Training, in jedem Training…

Wer nicht in der Lage ist, zuzusehen, hinzuhören, zu verstehen, nun, dem werden technische Unterschiede, ganz zu schweigen von technischen Feinheiten, ganz einfach nicht klar werden.

Gerade bei der Krafterzeugung im Shōtōkan-Ryū – „Druck zum Boden“, „Druck mit dem hinteren Bein“, „Osae“ usw. – gibt es viele kleine Unterschiede. Im Fall einer bestimmten Vereinigung sind die Gelenke sehr stark involviert. Und Überraschung: Ältere Sensei dieser Vereinigung laufen mit Hüft- und Knieproblemen durch die Karate-Welt. In einem anderen Fall läuft Osae eher über den bewußten Einsatz bestimmter Muskeln. Die genauen Unterschiede schriftlich zu klären, ist nicht möglich. Wichtig finde ich jedoch, daß diese Unterschiede ins Bewußtsein rücken müssen. Wer sie kennt, der weiß (jenseits gestueller Unterschiede) ziemlich rasch, aus welcher Shōtōkan-Richtung ein fremder Karateka kommt. Wer sie kennt, der kann zielorientiert trainieren, ohne sich von solchen Unterschieden verwirren zu lassen.

Beim Kata-Training wird ziemlich deutlich, wer mit Osae vertraut ist und wer nicht. Ein Anzeichen ist z.B. die Fußaußenkante oder die Ferse. Befindet sich eine von beiden in kritischen Augenblicken in freier Schwebe, dann kann kaum von echtem Verständnis oder Einsatz von Osae gesprochen werden.

Kurzgefaßt ist es sinnvoll, folgende Punkte zu bedenken:

  • Weiß ich etwas von „Osae“?
  • Verfügt mein Trainer/Lehrer/Sensei über Osae?
  • Kann er es vermitteln?
  • Bin ich mir über Unterschiede im klaren?
  • Kann ich es praktisch umsetzen?

Für den Sport-Karateka sind sowohl diese Fragen, als auch die entsprechenden Antworten bedeutungslos. „Krafterzeugung“ ist für ihn eher unwichtig. Im Budō-Karate dagegen sind diese Fragen grundlegend wichtig und die individuellen Antworten geben Auskunft darüber, wohin mich mein Keiko führt und ob es mich überhaupt irgendwohin führen kann.

© Henning Wittwer

Dienstag, 24. Mai 2011

Erinnerung an Funakoshi Yoshitaka aus dem Shōtōkan-Ryū

Heute kennen wahrscheinlich viele geschichtlich interessierte Anhänger des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū den Namen Funakoshi Gichin. Scheinbar unbekannt, zumindest aber sehr viel weniger bekannt ist der Sohn von Funakoshi Sensei, Funakoshi Yoshitaka Sensei. (Sein Name kann bei gleichen Schriftzeichen auch Funakoshi Gigō gelesen werden.)

Wenige Karate-Anhänger scheinen zu wissen, daß Funakoshi Yoshitaka Sensei zum direkten Assistenten seines Vaters berufen wurde. Somit wirkte er aktiv und weiträumig bei der Ausarbeitung und beim Unterrichten des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū mit. So verdanken wir ihm Übungsformen, wie Ten no Kata, Chi no Kata oder auch die Stock-Kata Matsukaze no Kon, die er mit Hilfe seines Vaters zusammenstellte.

Durch diese Übungsformen stellte er klare Richtlinien auf, wie Shōtōkan-Ryū auszusehen hat und wie es folglich geübt und umgesetzt wird. Seinem Einsatz verdanken wir also, daß unser Training nicht auf Spekulationen über Inhalte beruht, sondern auf konkretem, in der Praxis getestetem Lehrstoff.

In meinem Fall war es tatsächlich so, daß mich manchmal nur vage, aber um so phantastischere Geschichten über die Person von Funakoshi Yoshitaka Sensei zu meinem heutigen Karate-Lehrer brachten. Denn Harada Sensei entstammt einer Übertragungslinie, die unmittelbar auf Yoshitaka Sensei zurückgeht. Sie ist einzigartig.

Hier möchte ich noch einen Gedanken meines Karate-Lehrers anschließen. Er stellte schon manches Mal die Frage in den Raum, wie denn die Karate-Welt heute aussähe, wenn Yoshitaka Sensei nicht schon so jung verstorben wäre. Seiner Meinung nach, gäbe es dann mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Wettkampf innerhalb der Shōtōkan-Strömung, es würde ein ganz anderes technisches Niveau vorherrschen und die JKA wäre wohl nie gegründet worden…

Zur Person, zum Wirken und zum technischen Einfluß von Funakoshi Yoshitaka Sensei finden Sie viele Details (die korrekten…) in Band I und Band II meines Buchs.

Update 2018: Im neu erschienenen Band III stelle ich fünf Unterweisungen von Funakoshi Yoshitaka Sensei sowie eine Lebensbeschreibung vor.

© Henning Wittwer

Donnerstag, 5. Mai 2011

Karate und Ch’i-Kung

Hier möchte ich kurz zeigen, welchen Nutzen Ch’i-Kung (oder in einer anderen Umschrift Qì-Gōng) für das Training im orthodoxen Karate-Dō Shōtōkan-Ryū hat – nämlich keinen!

Auf meiner Suche nach gehaltvollerem Karate kam ich nicht umhin, mich mit chinesischem Ch’i-Kung auseinanderzusetzen. Gerade seit Anfang der 1990er Jahre schwappte es als Modewelle ins Karate. Weil es seit da als „unabdingbar“ für „echtes“ Karate beschrieben oder vermarktet wurde und künstliche historische Zusammenhänge vorgestellt wurden, fing ich an, mich aktiv damit auseinanderzusetzen.

1998 konnte ich dann bei Aoki Osamu Sensei, einem Vertreter einer japanischen Version des Ch’i-Kung (jap.: Kikō), trainieren. Er ist nicht nur ein hervorragender Kikō-Lehrer, sondern gleichzeitig ein Ausbilder aus den Reihen des JKA-Shōtōkan. In seinen Kikō-Trainings verwies er immer wieder mal auf seine Karate-Praxis.

Jedenfalls ging er – nach dem Training – freundlicherweise auch auf meine Fragen ein. Da ich in seinen Kikō-Trainings eine gewisse Ähnlichkeit zu Ideen von Egami Shigeru Sensei (die ich zu diesem Zeitpunkt nur theoretisch kannte) auszumachen glaubte, sprach ich ihn darauf an. Kurz gesagt, lautete sein Fazit:

„Was Egami Sensei macht, ist Budō. Wir machen mehr Sport.“

Seine ehrliche Antwort beeindruckte mich. (Und sie ließ mich weitersuchen…)

Jahre später kam mein Karate-Lehrer, Harada Mitsusuke Sensei, auf das Thema Kikō (Ch’i-Kung) zu sprechen. Dabei erwähnte er, daß er davon ausgeht, daß Kikō tatsächlich medizinisch wirksam ist und einen derartigen Nutzen hat. Doch daraufhin wurde er sehr ernst und erklärte:

„Herr XY verband Kikō mit Karate. Aber das hat nichts mit dem Shōtōkai und Herrn Egami zu tun! Es sind zwei verschiedene Dinge.“

Dazu sollte ich noch erwähnen, daß Harada Sensei direkt von Egami Sensei unterrichtet wurde.

Hier liegen also die Aussagen zweier echter Fachmänner vor, die beide aus Sicht der Praxis besagen, daß Kikō / Ch’i-Kung / Qì-Gōng nichts mit dem Karate aus der Shōtōkan-Strömung zu tun hat.

Meiner Meinung nach haben Personen, die zusätzlich zum Karate mit der Übung einer Richtung des Ch’i-Kung beginnen, das starke Bedürfnis, eine Lücke zu schließen, die sie in ihrem Karate-Training spüren. Sie wissen nicht, was und wie genau sie trainieren sollen, um Fortschritte zu erzielen, oder weshalb sie überhaupt trainieren. Zudem benötigen sie unter Umständen „Zusatzangebote“, um sich und ihr Karate besser vermarkten und „mehr Abwechslung“ schaffen zu können.

Andersherum sollte sich jeder Karate-Anhänger die Frage beantworten, wieviel Zeit ihm für sein Karate-Training zur Verfügung steht. Unter der Voraussetzung, daß ich weiß, was und wie ich zu trainieren habe, verbessert jede Minute Karate-Training mein Karate; jede Minute Ch’i-Kung mein Ch’i-Kung (aber eben nicht mein Karate). Jede praktisch oder theoretisch für Ch’i-Kung aufgebrachte Minute geht meinem Karate-Training verloren…

© Henning Wittwer