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Montag, 9. September 2024

Karate im Shōtōkan 1939

Henning Wittwer "Das wahre Mark des Karate-Dô - Shôtôkan 1939"

Welche technischen Vorstellungen vertraten Adepten in der Frühzeit des Shōtōkan (1938–1945)? Und überhaupt: Was machte für sie Karate aus? Diese und ähnliche Fragen beschäftigten mich spätestens seit meinem ersten Lehrgang mit Kase Taiji Sensei. Denn sein Karate unterschied sich gravierend von dem damals hierzulande verbreiteten Sport-Karate.

Wertvolle Einblicke in das Karate aus jener Epoche lieferte mir das 1939 vom historischen Shōtōkan herausgebrachte Buch „Das wahre Mark des Karate-Dō“. Bislang gab es – soweit ich das überblicken kann – keine englische (oder gar deutsche) Übersetzung dieses Werks, weswegen ich mich dazu entschloss, es vom Japanischen ins Deutsche zu übersetzen. Denn inhaltlich gehört es zu den aufschlussreichsten Zeugnissen aus der Gründungsphase des Shōtōkan.

Als Ergänzung und zum Vergleich fügte ich dem „Wahren Mark“ einen bebilderten Aufsatz von Funakoshi Yoshitaka Sensei hinzu, der es ermöglicht, noch detailliertere Erkenntnisse zum damaligen technischen Verständnis und der Frage, was genau Karate war (bzw. sein sollte), zu gewinnen. Anhand vieler alter Fotos, die vor allem Egami Shigeru Sensei und Hironishi Motonobu Sensei (die späteren Köpfe des Shōtōkai) zeigen, werden in diesen alten Quellen technische Grundlagen, Heian Shodan (einschließlich einiger Anwendungsbeispiele), Makiwara- und Sandsackübung sowie Tori-Te bzw. Tori und fortgeschrittene Kumite vorgestellt. Verdeutlicht wird dabei, dass Kumite im Shōtōkan eine äußerst lebendige und nervenaufreibende Angelegenheit war.

In meinen Anmerkungen liefere ich weitere Informationen über Funakoshi Yoshitaka Sensei und Knackpunkte der Technikgeschichte des Karate. Dabei war es mir wichtig, Yoshitaka Senseis Lebenswirklichkeit in den 1930er Jahren näher zu beleuchten, um ihn so auch menschlich greifbarer zu machen. Aus meiner Sicht bedeutsame Ausführungen füge ich zudem über die „Schreie“ (Kiai) im Karate sowie über Itosu Ankō Senseis Lehrtext von 1908 hinzu.

Insgesamt lädt das Buch dazu ein, bestehendes Wissen zur Technikgeschichte des Karate allgemein und der des Shōtōkan insbesondere zu hinterfragen, zu erneuern und zu erweitern.

Bestellt werden kann es hier:

https://www.gibukai.de/karate-do-shinzui/

© Henning Wittwer

Donnerstag, 21. März 2024

Karate-Lehrgang 2024 in Niesky – Ein paar Bilder und Gedanken

Und da war es schon wieder soweit: Mitte März 2024 durfte ich abermals einen beinahe jährlich stattfindenden Karate-Lehrgang zum Thema Stock im Shōtōkan-Ryū leiten. Die Zeit verfliegt … Meine Freude am Lehrgang bleibt …

Letzteres liegt gewiss auch an den Teilnehmern, die neugierig und aufgeschlossen zum ersten Mal anreisten oder mit offenbar ungebrochenem Interesse zum wiederholten Mal zum Gelingen beitrugen.

Meine Karate-Lehrgänge erachte ich als Erweiterungen meiner Bücher. Daher verfolgen sie keine Verbandspolitik und sind für Mitglieder aller Shōtōkai- und Shōtōkan-Gruppen zugänglich. Auch diesmal fanden sich Mitglieder verschiedener Organisationen in Niesky zusammen, um gemeinsam zu lernen und zu üben.


Obwohl es im herkömmlichen Karate-Dō Shōtōkan-Ryū „nur“ vier Stock-Kata gibt, verfügen sie über eine erstaunlich hohe inhaltlich-technische Ergiebigkeit. Mit anderen Worten, es gab viel zu tun!

Wie üblich brachte ich einer Gruppe den Ablauf der Kata Shūji no Kon nahe, wobei bestimmte Unterschiede zwischen den Fassungen dieser Form in modernen „Kobudō“-Verbänden und der des Shōtōkan angesprochen, erkannt und von mir erläutert wurden. Solche Unterschiede helfen nicht nur dabei, Shōtōkan-Ryū an sich stärker wertzuschätzen, sondern auch Genauigkeit und Sinn der entsprechenden Bewegungen besser zu verinnerlichen.

Matsukaze no Kon war und ist d i e Stock-Kata des Shōtōkan-Ryū schlechthin. Denn sie wurde von Funakoshi Yoshitaka Sensei zusammengestellt und lässt durch ihre beweglichen wie wuchtigen Handlungen die Begabung ihres Schöpfers erahnen. Diesmal lernte und vertiefte die Gruppe der auf dem Gebiet des Shōtōkan-Stocks Fortgeschrittenen eben jene Matsukaze no Kon.

Wie üblich vermittelte ich zudem viele mit der jeweiligen Kata zusammenhängende Partnerübungen, die einerseits der besseren Handhabung des Stocks, andererseits dem klareren Verständnis hinsichtlich seines kämpferischen Einsatzes (Kumibō) dienen.

Ein wesentliches Element des Kampfes mit „leeren Händen“ gegen Stockangriffe (Bō-Dori) hatte ich außerdem zur Erläuterung und Übung in der zweiten Gruppe vorgesehen.

Insbesondere hier zeigte sich gut, wie die Übung waffenloser und bewaffneter Elemente im Shōtōkan-Ryū zusammenfließen. Fehlte eines der beiden, bliebe eine kaputte Kampfkunst übrig! Darum hoffe ich, dass alle Teilnehmer diesen Punkt nicht nur gedanklich, sondern auch praktisch – wenigstens in Ansätzen – nachvollziehen konnten.

Zusätzlich zu den körperlichen Anteilen trug ich einige wesentliche Punkte zur Geschichte und Lehre des Stocks im Shōtōkan vor, die den anwesenden Karateka beim Verinnerlichen behilflich sein sollen.

Als sehr angenehm empfand ich die von fleißigem, interessiertem und konzentriertem Mitmachen geprägte Atmosphäre über das gesamte Wochenende hinweg, die auch den ein oder anderen Regenguss schnell vergessen ließ ...


Danke nach Ilmenau, Dippoldiswalde, Leipzig, Doberlug-Kirchhain, Bernau, Wildau, Freiburg und natürlich Niesky!

© Henning Wittwer

Sonntag, 2. April 2023

Ein Stocklehrgang mit umgestellten Uhren

Ausschließlich Karateka, die schon mehrfach an meinen Karate-Lehrgängen zum Thema Stock im Shōtōkan-Ryū teilgenommen haben, fanden sich am 25. und 26. März 2023 in Niesky zusammen, um ihr diesbezügliches Wissen und Können zu festigen und zu vertiefen.

Als Ausgangspunkt des Lehrgangs wählte ich die Kata Sakugawa no Kon und wies erneut darauf hin, dass es sich um die Fassung aus dem Karate-Dō Shōtōkan-Ryū handelt. Es ging also nicht um Sakugawa no Kon aus „irgendeiner“ modernen Richtung des „Kobudō“.
 
Schritt für Schritt vermittelte ich allen Teilnehmern also den technischen Ablauf dieser Kata und wies dabei auf technische Kniffe der Stockführung im Stil des historischen Shōtōkan (1938–1945) hin. In diesem Zusammenhang zeigte ich auch praktische Unterschiede zu anderen Stilen des aus Okinawa stammenden Stockkampfs auf.
Für ebenso wichtig erachte ich ein gutes Verständnis von den theoretischen Grundlagen, wie Lehre, Geschichte, Methodik oder auch Folklore des Stocks im Shōtōkan-Ryū. Denn dieses Wissen hat unmittelbaren Einfluss auf die Übungspraxis des Karate, falls es bekannt ist und zudem auch angenommen wird … Folglich standen gleichfalls theoretische Exkurse auf meinem Programm.
Hand in Hand mit der Soloform Sakugawa no Kon stellte ich viele verschiedene Partnerübungen (Kumibō) vor, bei denen einzelne Bewegungen und Bewegungsfolgen der Kata mit bzw. gegen Handlungen eines ebenfalls mit Stock bewaffneten Übungspartners eingesetzt werden konnten. Dabei unterschied ich eher „harte“ () und eher „weiche“ () Techniken.
Ebenso verglich ich bestimmte Techniken mit dem Stock mit denen ohne Waffen, die etwa in den Kata Tekki Shodan, Bassai, Kankū und Ten no Kata geübt werden. Diese Vergleiche, so hoffe ich, helfen dabei, das von Funakoshi Gichin Sensei und einigen seiner Schüler gelehrte Konzept der Einheit des Trainings mit „leeren Händen“ und des Trainings mit Stock besser zu verstehen, nachzuempfinden und im eigenen Keiko umzusetzen.
Schließlich durften für die fortgeschrittenen Teilnehmer die „traditionellen“ Partnerübungen mit leerer Hand gegen Angriffe mit dem Stock (Bō-Dori), wie sie von Funakoshi Sensei gelehrt wurden, nicht fehlen.
Ungeachtet der umzustellenden Uhren an jenem Lehrgangswochenende waren alle Teilnehmer erfreulicherweise sehr wach und interessiert, so dass es mir nicht schwerfiel, den geplanten Stoff an Frau und Mann zu bringen …

Danke nach Ilmenau, Dippoldiswalde, Leipzig, Seifhennersdorf, Bernau und natürlich Niesky!

© Henning Wittwer

Donnerstag, 26. März 2020

Von Stöcken und Seife

Vorzeichen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, begleiteten mich in den Wochen und Tagen vor meinem diesjährigen Karate-Lehrgang in Niesky Anfang März. Zum einen freute ich mich, dass es neben ein paar neuen Teilnehmern auch Anmeldungen von Wiederholungstätern auf dem Feld des Shōtōkan-Stocks gab. Zum anderen waren da Nachrichten aus China, denen Nachrichten aus Europa folgten, die eindringlich vor einem neuen Corona-Virus warnten. Sie veranlassten mich, besonders gut den Informationen eines sächsischen Virologen zu lauschen, um die Durchführbarkeit des Lehrgangs zu erwägen. Zu diesem Zeitpunkt war das Gefährdungspotential vor Ort gering, doch wir waren gewarnt und achteten besonders auf das Vorhandensein von Seife in den beiden Hallen.

Alle Teilnehmer blieben an dem Wochenende gesund und konnten obendrein viel lernen und vertiefen. Für Neulinge stand mit Shūji no Kon die erste Stock-Kata des Shōtōkan-Ryū auf dem Programm. In diesem Zusammenhang konnte ich auch die nicht unwichtige Frage klären, ob die Reihenfolge des Unterrichts von mir stammt oder aus dem historischen Shōtōkan. Tatsächlich stammt sie aus letzterem …

In einer zweiten Gruppe vermittelte ich die von Funakoshi Yoshitaka Sensei stammende Matsukaze no Kon, die ein echtes Juwel des Shōtōkan-Ryū darstellt.

Neben den Abläufen und Feinheiten dieser beiden Kata gab es auch zahlreiche Partnerübungen (Kumibō), die mit diesen Formen in Zusammenhang stehen. Wie ich in den Theorieteilen erklärte, bildeten die Solo-Kata die historische Grundlage des Lehrgebäudes, auf denen Partnerübungen aufbauten. Erfahrene Teilnehmer übten darüber hinaus zum ersten oder wiederholten Mal unbewaffnete Verfahren gegen Angriffe mit dem Stock (Bō-Dori), die ebenfalls Bestandteil des herkömmlichen Shōtōkan-Ryū sind.

Rauchende Köpfe, viele gestellte Fragen und Aha-Erlebnisse zeigten mir, wie erfreulich interessiert alle bei der Sache waren. Tatsächlich waren wir alle so vertieft, dass wir diesmal die Fotos fast vergaßen …


Eine Woche später wurden in Niesky und landesweit alle Turnhallen als Teil umfassender Schutzmaßnahmen vor dem neuen Corona-Virus verschlossen.

Danke nach Ilmenau, Scharbeutz, Dippoldiswalde und natürlich Niesky!

© Henning Wittwer

Donnerstag, 29. August 2019

Trainingspartner im Karate

Einer der entscheidenden Faktoren für ein erfolgreiches Training im Budō-Karate ist ein guter Trainingspartner. Besser als  ein guter Trainingspartner sind ein paar gute Trainingspartner. Häufig scheinen es Karateka zu lieben, von „Schülern“ zu sprechen: „Ich habe so und so viele Schüler“, „Heute waren meine Schüler aber faul.“, „Heute waren meine Schüler fleißig.“ „Schüler“ zu haben ist super fürs Ego, fürs Prestige, glaube ich. Denn so erhebt man sich selbst über eine Gruppe von Menschen – sowohl intern als auch nach außen.

Ich persönlich möchte keine Schüler, ich möchte Trainingspartner. Ich brauche Trainingspartner.

Diesen Gedanken übernahm ich von meinem Karate-Lehrer. Im Budō-Karate ist Masse nicht gleich Klasse. Und um meine eigenen technischen Fertigkeiten (Waza) qualitativ anheben zu können, benötige ich echte Trainingspartner. Besser ausgedrückt: Ich bin abhängig von ihnen. Umgekehrt sind meine Trainingspartner abhängig von mir. Auch meine Trainingspartner benötigen ihrerseits einen guten Trainingspartner, um ihre technische Fertigkeit zu verbessern.

Solo-Kata waren, sind und bleiben die unbestreitbar entscheidende Grundlage, nicht aber das Ziel meines Karate. Mein technisches Ziel im Karate kann ich nur mit Hilfe eines guten Trainingspartners erreichen. Allein funktioniert das nicht. Dies sind einige der Gründe:

Erstens kann mein Trainingspartner – auf eine eher grundlegende Weise – mal hier schieben, mal da ziehen oder je nachdem mal drücken, halten, heben, um meinen „Karate-Körper“ einstellen zu helfen. Klingt banal, ist aber entscheidend wichtig.

Zweitens ist er unabdingbar, um Dinge, wie Timing, Rhythmus, Abstand usw. zu studieren. Diese werden nicht durch die Übung der Solo-Kata trainiert. Sie sind auch nicht wirklich in der Solo-Kata enthalten. Allein mit Hilfe eines Trainingspartners kann ich sie lernen.

Drittens ist sein Feedback für mich wesentlich, um Anpassungen und Veränderungen in die korrekte Richtung hin zum Trainingsziel vornehmen zu können.

Viertens brauche ich den Angriff eines Trainingspartners, nicht den eines Schülers, um echte Fortschritte zu machen. Ein Schüler neigt nämlich dazu, wie ein Schüler anzugreifen. Durch etwas Nachdenken und Beobachtung sollte klar werden, wie sich der Angriff eines Schülers von dem eines Trainingspartners unterscheidet. Dies beinhaltet u. a. etwas, das ich „Fake-Timing“ nenne und später mal besprechen möchte.

Bei alledem ist eine Frage noch unbeantwortet. Wo bekomme ich echte Trainingspartner her? Eine Erkenntnis aus einigen Jahren Karate-Übung ist, dass gute Trainingspartner nicht vom Himmel fallen. Sie sind im Gegenteil rar gesät.

Auf jeden Fall ist für das Zustandekommen einer Trainingspartnerschaft gegenseitiges Vertrauen unabdingbar. Schließlich erfordert das gemeinsam angesteuerte Trainingsziel einen hohen zeitlichen Aufwand, und Zeitverschwendung mit Möchtegernen ist alles andere als produktiv. Hinzu kommt eine immanente Gefahr für Körper (und Geist), die fortgeschrittene Übungsformen (Kumite) mit sich bringen. Eine Person, von der ich weiß, dass sie gerne mal normale Regeln „in ihrem Sinne“ auslegt oder gar lügt und betrügt, möchte ich selbstverständlich nicht in meinem Keiko haben. Denn dieses Vorwissen verdeutlicht, dass eine solche Person als potentieller Trainingspartner ebenso handeln würde und dass somit im schlimmsten Fall meine Gesundheit und die meiner Trainingspartner auf dem Spiel stünden.

Folglich ist eine Vorauswahl unvermeidlich. Die Geschichte des Karate zeigt übrigens, dass Karate-Adepten im neunzehnten Jahrhundert ganz ähnlich dachten …

© Henning Wittwer

Montag, 27. August 2018

Zur Vertiefung von Theorie & Praxis des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū

Am 14. August 2018, kam der dritte Band meiner Reihe „Shōtōkan – überlieferte Texte & historische Untersuchungen“ heraus. Er enthält wieder viele wichtige Hilfestellungen von den frühen und damit tatsächlich maßgeblichen Lehrkräften der Shōtōkan-Strömung, wie beispielsweise
  • ein Lehrgedicht aus Funakoshi Gichin Senseis „Bubishi“,
  • Ratschläge von Funakoshi Yoshitaka Sensei oder
  • ausführliche Erklärungen zum Konzept des Kiai im Karate von Funakoshi Gichin Sensei selbst.
Diese und andere im Buch vorgestellte Lehrtexte sind bis heute in Deutschland (aber auch in der restlichen Karate-Welt) quasi unbekannt. Damit blieben die Inhalte verschlossen, was natürlich zu dem heutzutage so oberflächlichen und beschränkten Karate-Verständnis beitrug.

Neben den überlieferten Texten stelle ich wie immer auch Betrachtungen über geschichtliche Hintergründe des Karate der Funakoshi-Linie an, die zur Vertiefung von Theorie & Praxis des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū beitragen sollen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Alle Informationen zu „Band III“ gibt’s hier:

https://www.gibukai.de/buch-shop/shōtōkan-überlieferte-texte-historische-untersuchungen-band-iii/

Zu „Band II“ hier:

https://www.gibukai.de/buch-shop/shōtōkan-überlieferte-texte-historische-untersuchungen-band-ii/

Und zu „Band I“ hier:

https://www.gibukai.de/buch-shop/shōtōkan-überlieferte-texte-historische-untersuchungen-band-i/

© Henning Wittwer

Sonntag, 27. Mai 2018

Gasshuku

Meist im Sommer kommt diese besondere Zeit ...

Im Laufe eines Karate-Übungsjahrs bildet für mich ein Gasshuku den Höhepunkt. Regelmäßiges Keiko ist grundlegend wichtig, ohne Frage! Durch ein Gasshuku kann und wird dieses aber zusätzlich auf eine höhere Stufe befördert, da es das regelmäßige Training auf gebündelte Weise vertieft.

Historisch betrachtet waren Gasshuku interne, mehrtägige Trainingslager für Mitglieder des Karate-Klubs einer Universität oder eines privaten Dōjō. Später kamen eher kommerzielle Angebote („Karate-Urlaub“) hinzu, doch auf solche Veranstaltungen beziehe ich mich hier nicht.

Dem Wortsinn nach beinhaltet ein Gasshuku das gemeinsame Logieren mit Mitgliedern der eigenen Übungsgruppe, meinen Trainingspartnern also. Idealerweise ist es mit einem Verreisen verbunden, um räumlichen Abstand zum Trainingsalltag sowie ein nur auf Karate „begrenztes“ Umfeld zu schaffen. Die „Abgrenzung“ soll den Teilnehmern schlicht zu Zweierlei verhelfen: zu einer möglichst vollkommenen Konzentration auf das Keiko und zu optimalen Trainingsbedingungen durch die Möglichkeit an einem Ort schlafen, essen und trainieren zu können.

Um mein eigenes Training beim Gasshuku wirklich ausbauen zu können, sind meine Trainingspartner unabdingbar. Sowohl die ausgedehnten Trainingseinheiten mit ihren herausfordernden Inhalten als auch das – wenn auch kurzzeitige – Zusammenleben erfordern ein gewisses Maß an gegenseitigem Vertrauen. Daher ist von vornherein ausgeschlossen, dass Außenstehende an einem Gasshuku teilnehmen können. Durch den vertrauten Umgang und das gegenseitige Motivieren im Keiko entsteht ein Nebeneffekt, der Neudeutsch als „Teambuilding“ bezeichnet wird, eine Verstärkung der Bindung untereinander und zum gemeinsam verfolgten Karate-Ziel.

Wichtig ist neben dem eigentlichen Training, dass während eines Gasshuku eine bessere Erholung nicht nur nötig, sondern auch möglich ist. Aufgrund der äußeren Umstände eines Gasshuku fehlt nämlich die allgegenwärtige Ablenkung durch Schule, Universität, Arbeit, Familie, Haushalt und Technostress.

Faszinierend ist außerdem, wie stark sich diese Abwechslung vom Trainingsalltag und der Abstand zum Alltag insgesamt in der Zeit nach einem erfolgreich durchgeführten Gasshuku auswirken können. Meine eigenen Fortschritte und die meiner Trainingspartner liefern in den darauffolgenden Wochen eine inspirierende, neue  Basis für den weiteren Übungsweg.

© Henning Wittwer

Sonntag, 22. Oktober 2017

Ten no Kata

Ten no Kata gehört zu den jüngsten Kata des Shōtōkan-Ryū und damit zu den technisch wie historisch am besten nachvollziehbaren Kata, eigentlich jedenfalls … Häufig zu sehende Änderungen bzw. Fehler in heutigen Ausführungen stammen meist nicht von einer Institution, sondern von den Vorführenden selbst, entweder aufgrund von Verständnismangel oder weil sie sie aus „besserem Wissen“ heraus eigenständig einbrachten. Was ich hier über diese Kata schreibe, ist keine Anleitung zum Nachmachen! Meine Worte sollen dem Vergleich und als Gedächtnisstütze für bereits Gelerntes dienen. Die Fotos zeigen die Übung von Kernpunkten für Uke (Annahmen) und Oi-Zuki, die mittels Ten no Kata unterrichtet werden.

Am einfachsten kann der sichtbare Ablauf dieser Form verbessert werden, wobei ich mich auf die ursprüngliche Art der Ausführung beziehe. Wichtig ist aber, dass Worte – auch bei so einer „einfachen“ und „oberflächlichen“ Technikbeschreibung wie hier – falsch aufgefasst werden können.

Nun, die Reihenfolge für Ten no Kata Omote lautet:
Chūdan Oi-Zuki
Jōdan Oi-Zuki
Chūdan Gyaku-Zuki
Jōdan Gyaku-Zuki
Gedan-Barai • Chūdan-Zuki
Chūdan Ude-Uke • Chūdan-Zuki
Chūdan Shutō-Uke • Chūdan-Nuki
Jōdan Shutō-Barai • Jōdan-Zuki
Jōdan Age-Uke • Chūdan-Zuki
Jōdan Uchi-Komi • Chūdan-Zuki
Ten no Kata Ura folgt der Reihenfolge des zweiten Blocks. In beiden Fällen wird dabei jeder Schritt je einmal mit beiden Beinen durchgeführt. Immer wird der erste Schritt so ausgeführt, dass die rechte Hand zuerst die Angriffstechnik ausführt.

Bei den Tsuki am Anfang besteht der gestuelle Hauptfehler darin, dass die Vorführenden die Tsuki-Hand zuerst zurückziehen (entweder ganz zur Hüfte oder nur ein wenig während der Bewegung). Tatsächlich wird der Tsuki-Arm so wie er ist in einer „pendelnden“ Bewegung ansatzlos nach vorn geführt. Die jeweils andere Hand wird ebenso ansatzlos zurückgezogen (ohne so einer Vorbereitungs- / Aushol- / Abwehrbewegung).

Fast alle Schritte werden in der Grundform in den Fudō-Dachi gesetzt. Ausnahmen sind die ersten Oi-Zuki, die mit Zenkutsu-Dachi ausgeführt werden, sowie die Chūdan Shutō-Uke, die in Kōkutsu-Dachi ausgeführt werden.

Abgesehen davon ist wichtig, dass die Grundform der Ten no Kata nicht das Ende der Fahnenstange darstellt. Vielmehr können einzelne Bewegungen oder der gesamte Ablauf dem aktuellen Übungsziel in einer Übungseinheit gemäß herausgelöst, auseinandergenommen, „verändert“ werden und so als Übungsgrundlage fungieren. Das setzt aber voraus, dass erstmal die eigentliche Grundform richtig vermittelt wird …

Genau damit haperte es auch in Japan, nicht nur hier und jetzt. In der portugiesischen Übersetzung eines Texts von Egami Shigeru Sensei wird angedeutet, dass Egami Sensei selbst empfiehlt, Taikyoku und Ten no Kata aus dem Lehrplan zu streichen. Im Gegensatz dazu lautet Egami Senseis Aussage im japanischen Originaltext, dass heutzutage niemand mehr in der Lage sei, Ten no Kata auszuführen. Daher solle ihre Übung solange eingestellt werden, bis die Übenden körperlich in der Lage wären, sie wieder – und nun richtig – zu trainieren.

Selbstverständlich ist das ein großer Unterschied. Eben jene körperlichen Voraussetzungen zum richtigen Üben von Ten no Kata lassen sich leider nicht mit Worten beschreiben. Ebenso wenig kann ich schriftlich erklären, welche ungewöhnlichen Auswirkungen richtiges Üben von Ten no Kata auf die eigene Karate-Entwicklung haben kann. Sie betreffen jedenfalls den „Karate-Körper“ und hängen unabdingbar mit der Praxis des Fudō-Dachi zusammen. Da Ten no Kata als grundlegende Kata am „Anfang“ des Trainings im Karate-Dō Shōtōkan-Ryū steht (was nicht bedeutet, dass ihre Übung für „Fortgeschrittene“ an Bedeutung verliert!), wirkt sich das mittels ihrer Hilfe angeeignete Wissen und Können auf alles aus, was im Lehrgebäude folgt.

Schließlich möchte ich noch darauf hinwiesen, dass ich in meinem „Band II“ ausführlich auf historische Hintergründe bezüglich Ten no Kata eingehe.

© Henning Wittwer

Donnerstag, 30. März 2017

Warum ausgerechnet Shōtōkan-Ryū?

Warum übe ich ausgerechnet Shōtōkan-Ryū? Diese berechtigte Frage wurde kürzlich in einem Internetforum gestellt und ich musste nicht lange überlegen. Meine Antwort lautet:

Zum Zugucken und mal kurz Mitmachen fand ich ein paar Karate-Richtungen interessant.

Zum selbst Ausüben ist Karate-Dō Shōtōkan-Ryū die für mich einzig interessante Wahl, und das sind ein paar der Gründe:

(1) unglaubliche technische Tiefe,

(2) einzigartige Übertragungslinie hin zum Kompilator, Funakoshi Gichin Sensei (1868–1957),

(3) mannigfaltige Übertragungslinien ab dem Kompilator einerseits,

(4) gutes Beispiel dafür, wie sich Sport, Kommerz und Einheitsbrei negativ auf eine Schulrichtung auswirken können andererseits,

(5) gute Quellenlage hinsichtlich Geschichte, Lehre, Taktik, Philosophie,

(6) Verbindung von Theorie und Praxis,

(7) sowohl waffenlose als auch bewaffnete (, Sai usw.) Inhalte,

(8) Charakter meiner Übertragungslinie und mein Charakter passen gut zusammen,

(9) ausgeprägte kampfkünstlerische Kultur (Folklore, Dichtung, Kalligrafie usw.).

© Henning Wittwer

Dienstag, 14. März 2017

„Kobudō!?“ – Äh, nein …

Es war kein Stoff aus einer dieser Organisationen mit den Worten „Kobudō“ oder „Kobu-Jutsu“ im Namen, nein. Eine kleine, handverlesene Gruppe von Teilnehmern traf sich am 4. und 5. März 2017 erneut in Niesky, um an meinem Karate-Lehrgang mit dem Thema Stock im Shōtōkan-Ryū teilzunehmen.

Vier Stock-Kata des orthodoxen Shōtōkan-Ryū sind bis heute erhalten geblieben, und zwei von ihnen standen an dem Wochenende auf dem Trainingsplan. Neulingen vermittelte ich theoretische und praktische Kenntnisse zur Shūji no Kon und „alten Hasen“ auf dem Feld des Shōtōkan-Stocks Kenntnisse zu Sakugawa no Kon.

Hinzu kamen Partnerübungen (Kumibō) sowie ein Henka, die teilweise auf dem bereits bekannten Stoff der Vorjahre aufbauten. Wiederholt und vertieft wurden ebenso einige Partnerübungen des Schemas „leere Hand gegen Stock“ (Bō-Dori), die von Funakoshi Gichin Sensei stammen und Kenntnisse im Umgang mit dem Stock voraussetzen.

Daneben machte ich auf verschiedene Unterschiede zwischen der Handhabung des Stocks im Shōtōkan-Ryū und der Handhabung des Stocks in heute bekannten „Kobudō“-Richtungen aufmerksam. Denn es ist wichtig, den Shōtōkan-Stock als historischen wie auch technischen Bestandteil des Shōtōkan-Lehrgebäudes zu begreifen und auszuüben.

Wichtig zu vermitteln war mir ebenfalls, dass die Kata im Shōtōkan-Ryū nicht zum Zweck der Vorführung z. B. auf Wettbewerben o. ä. erlernt werden.

Über die durchgängig wiss- und übungsbegierigen Lehrgangsteilnehmer freute ich mich ebenso wie über erkennbare Fortschritte.

Für die Teilnehmer der Lesestoff zum Vertiefen der Hintergründe: Shūji no Kon sowie Sakugawa no Kon und der Shōtōkan-Stock.


Danke nach Dessau, Leipzig, Potsdam und natürlich Niesky!

© Henning Wittwer

Montag, 4. April 2016

Gedan-Barai: Stichpunkte zu Form und Funktion

Der Gedan-Barai bzw. der „Feger auf der unteren Stufe“ ist eine der absolut grundlegendsten Bewegungen im Karate-Dō Shōtōkan-Ryū. Erkennbar ist das an seinem Vorkommen in den Kata Taikyoku, Heian Shodan oder auch Ten no Kata. Mein Karate-Lehrer nennt ihn eine der drei (oder je nachdem vier) wichtigsten Techniken in seinem Karate.

Wie die äußere Form dieser Bewegung in etwa auszusehen hat, das weiß wohl jeder Neuling im Shōtōkan-Ryū nach kurzer Zeit. Klar, je nach Institution oder Übertragungslinie gibt es größere oder kleinere Abweichungen. Okuyama Tadao Sensei lehrte z. B. einen Gedan-Barai, bei dem die fegende Hand am Anfang nicht bis hoch zum Schulter-Hals-Bereich geführt wird. Aber ganz grob erkennt wahrscheinlich jeder Karateka einen Gedan-Barai. Eben diese äußere Form ist ein Grund für seine Wichtigkeit. Diese Form führt zum Funktionieren.

Wer das liest, denkt vielleicht sofort an „Bunkai“ oder an ulkige Bücher wie „101 Gedan-Barai“. Nein, mit „funktionieren“ meine ich etwas anderes.

Kase Taiji Sensei lehre ein Konzept, bei dem der Unterarmknochen wie eine Hiebwaffe eingesetzt wird. Er demonstrierte Gedan-Barai als scharf und hart in die Angriffsgliedmaße einschlagende (einschneidende) Technik. Und er ließ uns demgemäß üben, wieder und wieder. Ich liebte es. Ich liebte es, weil es funktionierte. Kase Senseis Ansatz war, dem Gegner mit dem ersten Kontakt klarzumachen, dass sein Angriff keine gute Idee war, dass sein Angriff ein Fehler war. Er selbst verkörperte diese Wirksamkeit noch als etwa 70-Jähriger Mann. Daran gibt es keinen Zweifel.

Dann stand ich meinem späteren Karate-Lehrer zum ersten Mal gegenüber. Während ich ihn angriff, machte ich mich auf Schmerzen im Unterarm gefasst – die kannte ich ja schon. Doch irgendetwas war anders an seinem Gedan-Barai. Darüber musste ich nachdenken, während ich mich vom Boden erhob. Und das, was anders war, wollte ich lernen. Tatsächlich verdrängte ich die mir bis dahin bekannten Karate-Ansätze (was notwendig war) und begann mich ausschließlich mit diesem für mich neuen Ansatz zu befassen.

Wer sich selbst oder die gegnerische Angriffsgliedmaße mit seinem Gedan-Barai „blockiert“, kann nicht „fegen“. Rein sprachlich ist das schon ein Unterschied. Und rein technisch bewirkt das einen großen Unterschied. Am Blockieren ist je nach Situation nichts verkehrt. Aber das Ergebnis ist beim Fegen ein anderes.

Die technische Form des Gedan-Barai nötigt mich dazu, den Arm und die Schulter nach unten zu bewegen. Und genau das ist ein Knackpunkt, wenn es um das Funktionieren des Gedan-Barai gehen soll. Diese Art von Bewegungsgefühl kann dann auf alle anderen Bewegungen übertragen werden – vorausgesetzt, der Karateka bekam es wirklich vermittelt.

Während die äußere Form des Gedan-Barai in der Soloübung (Kata) eher gleichbleibend und vollständig ausgeführt wird, ist sie in der Partnerübung (Kumite) häufig wechselnd und unvollständig. Doch bestimmte äußere Förmlichkeiten bleiben auch im Kumite bestehen. Fielen sie weg, dann würde der Gedan-Barai an Wirksamkeit verlieren oder gar nicht mehr funktionieren.

Zusätzlich zur äußeren Form sind für das Funktionieren des Gedan-Barai selbstverständlich noch viele andere Faktoren von Bedeutung, z. B. sehr gutes Timing (und kein „Fake-Timing“), Abstandsgefühl oder auch ein entschlossener Angriff. Aber auf diese Faktoren möchte ich an anderer Stelle zu sprechen kommen …

© Henning Wittwer

Dienstag, 15. März 2016

Shōtōkan Stock 2016 in Niesky – ein Rückblick

Eine überfüllte Turnhalle, eine nahezu einheitlich auf donnernde Kommandos reagierende Menschenmasse und das großartige Gefühl, einen echten Karate-Superstar zu treffen, – ja, das gab es am Wochenende vom 5. und 6. März 2016 bestimmt andernorts in Deutschland. In Niesky trafen sich dagegen eine Handvoll lernwillige Karateka, um sich erneut oder zum ersten Mal intensiv mit dem Thema Stock im Shōtōkan-Ryū auseinanderzusetzen.


Einführend ging ich kurz auf die Lehre und geschichtliche Situation des Stocks ( bzw. Kon) im Shōtōkan-Ryū ein. Neulinge erlernten Schritt für Schritt die Kata Shūji no Kon, und Fortgeschrittene erhielten vertiefende Hinweise zu deren Übung.


Neben diesem Solotraining vermittelte ich viele Partnerübungen mit dem Stock (Kumibō), die mit Shūji no Kon verknüpft werden können.

Dabei stellte ich für die fortgeschrittenen Teilnehmer einige Henka vor. (Zum Begriff Henka im Shōtōkan-Ryū siehe „Shōtōkan Band II“, S. 241.)

Praktisch ließ ich die Teilnehmer zudem den Zusammenhang von „leerer Hand“ und Stock anhand eines einleuchtenden Beispiels trainieren und verstehen. Wie „leere Hand“ und Stock methodisch sinnvoll und sich gegenseitig ergänzend innerhalb des Shōtōkan-Ryū ausgeübt werden können, skizzierte ich zuvor.

Auch ein paar Unterschiede zwischen dem Umgang mit dem Stock im Karate-Dō Shōtōkan-Ryū und dem in anderen Richtungen des Karate oder des okinawanischen Kobudō brachte ich den Teilnehmern näher. Wissen über diese Unterschiede hilft dabei, weniger zweckmäßige Herangehensweisen besser zu erkennen und kritisch zu hinterfragen.

Mich freute sehr, dass wirklich alle konzentriert bei der Sache waren und den Lernstoff fleißig umsetzten.


Danke nach Mülheim, Dessau, Leipzig, Freiberg und natürlich Niesky!

Anmerkung: Am 5. März 2016 verstarb Takagi Jōtarō Sensei. Seinem Einsatz haben wir heute das Wissen um den Shōtōkan-Stock zu verdanken. Ohne ihn hätte es auch unseren Lehrgang in Niesky nicht gegeben.

© Henning Wittwer

Freitag, 22. Januar 2016

Nur eine Soloübung mit dem Holzsäbel

Bereits bei meinen ersten Begegnungen mit meinem Karate-Lehrer bemerkte ich seine Affinität zum Holzsäbel (Bokutō). Sehr oft beobachtete ich, wie er vor dem Training zum Bokutō griff, um damit ein paar simple Übungen auszuführen. Besonders eine von ihnen wirkte wirklich seltsam. Mit der Zeit lernte ich sie und erhielt von ihm viele wichtige Hinweise zur richtigen und zielgerichteten Ausführung dieser wirklich eigenartig anmutenden Übung.

Er lernte diese Übung vom verstorbenen Okuyama Tadao Sensei, weswegen ich sie einfach „Okuyama-Übung“ nenne (neben „Bokutō-Übung 2“). Aus geschichtlicher Sicht ist diese Holzsäbelübung also eine jüngere Ergänzung in meiner Karate-Linie. Sie stammt gewiss nicht von Funakoshi Gichin Sensei. Mein Karate-Lehrer erzählte mir, dass das Bokutō von Okuyama Sensei am Griff regelrecht schwarze Handabdrücke aufwies, die ein Zeichen für Okuyama Senseis starke Greifkraft sind.

Für Außenstehende tritt beim Betrachten der „Okuyama-Übung“ ein Verständnisproblem auf. Denn sie lehrt einem nicht, einen Widersacher mit einem japanischen Säbel zu filetieren. Sie ist kein religiöses Ritual, keine Show, keine geheime Technik, und sie kann nicht bunkaiisiert werden. Ich als Übender stehe eigentlich nur in der Gegend rum und halte ein Bokutō senkrecht in die Luft. Das Bokutō bewegt sich dabei ein wenig. Und das war es schon, also von außen betrachtet.

Die eigentliche Arbeit findet für den Betrachter unsichtbar unter meiner Haut statt. Ziel der „Okuyama-Übung“ ist der Aufbau und die Verfeinerung meines Karate-Körpers. Tatsächlich ähnelt sie als Soloübung den herkömmlichen Kata des Karate. Die beiden auffälligen Unterschiede zu den Kata sind:

  1. Ich halte einen Holzsäbel.
  2. Ich bewege mich nicht im Raum von A nach B.

Das Bokutō erhöht die Wirkung der Übung, und durch die fehlenden Bewegungen kann ich mich intensiver auf all die subtilen Punkte meiner Körperstruktur und –mechanik konzentrieren. Trotz der äußerlichen Schlichtheit der Übung (oder gerade ihretwegen) gibt es eine Vielzahl größerer und kleinerer Punkte, die ich theoretisch kennen und dann praktisch umsetzen muss. Schritt für Schritt wächst die „Okuyama-Übung“ sozusagen zu einer immer anspruchsvolleren und tiefgründigeren Trainingsform. Ohne ständige Anleitung ist es allerdings aussichtslos, echten Nutzen aus ihr zu ziehen. Als ich vor wenigen Jahren dachte, ich verstünde sie schon ansatzweise, konnte ich nicht wissen, was ich später noch hinzulernen würde. Und dabei handelt es sich doch „nur“ um eine simple Soloübung mit dem Holzsäbel …

In ihr bündeln sich mehrere Elemente anderer notwendiger Soloübungen meines Karate. Dadurch ermöglicht sie ab einem bestimmten Verständnisniveau (ich meine theoretisches und vor allem körperliches Verständnis) in kürzerer Übungszeit einen mit vielen verschiedenen Übungen vergleichbaren Nutzen. Deswegen werden die anderen Übungen natürlich nicht hinfällig. Tatsächlich wirkt sich der Nutzen der „Okuyama-Übung“ direkt auf alle anderen Solo- und Partnerübungen aus.

Jedenfalls ist die „Okuyama-Übung“ ein fester Bestandteil des Lehrgebäudes meines Karate-Lehrers und damit meines Trainingsalltags. Sie ist also kein überflüssiges „fünftes Rad am Wagen“ meines Karate. Sie ist mit anderen Übungsformen vernetzt und ist ohne die anderen Übungsformen nur bedingt sinnvoll. Über die Bedeutung und verschiedene Aspekte eines in sich schlüssigen Karate-Lehrgebäudes schreibe ich ausführlich in meinem Buch „Karate. Kampfkunst. Hoplologie“.

© Henning Wittwer

Montag, 11. Januar 2016

Dienstag, 14. Juli 2015

Jitte und die Überinterpretation

Jitte gehört zu den Kata der Shōtōkan-Strömung, deren Herkunft und Geschichte recht gut belegt sind. Auch ihre technischen Schwerpunkte wurden früh beschrieben. Asato Ankō Sensei sagte aus, dass in Jitte die „obere Stufe“, die „mittlere Stufe“ und die „untere Stufe“ ausgearbeitet werden. Dieser Punkt klingt zunächst – zu Recht! – banal. Mit weiteren mündlichen Unterweisungen geht damit aber auch ein gründliches Verständnis für den eigenen Körper und seinen wirkungsvollen Einsatz einher.

Nun weiß ich das und trainiere dementsprechend. Ich weiß aber auch, dass Jitte zu den prominenten Opfern von Überinterpretation gehört. Leute, die sich Karate eher selbst zusammenreimen, und es nie richtig (also auch langfristig) von einem – ernsthaft! – guten Karate-Lehrer lernten, sind meist die Täter.

Mein persönlicher Spitzenreiter einer solchen Überinterpretation im Karate ist die Aussage, dass Jitte eine Kata sei, die „früher“ oder „ursprünglich“ mit einem Kampfstock ausgeführt wurde. Mit anderen Worten soll (!) Jitte also den Umgang mit dem Stock gelehrt haben. Dass die Überinterpreten keine einzige Quelle von „früher“ vorweisen können, in der diese „ursprüngliche“ Ausführung mit Stock belegt wird, scheint niemanden zu stören.

Einige „Experten“ teilten ihre überinterpretierten „Stock-Jitte“ mit dem Internet (Foto und Film). Erheiternd finde ich jede einzelne davon, die ich bislang sah. Selbstverständlich ist Jitte keine Stock-Kata, der der Stock abhandenkam. Zwei allgemeine Probleme, die damit einhergehen, möchte ich kurz benennen:
  1. Shōtōkan-Ryū verfügt bereits über eigene Kata mit dem Stock, d. h. es besteht gar keine Notwendigkeit, eine dazu zu basteln.
  2. Egami Shigeru Sensei empfahl, die unbewaffneten Kata mit der Vorstellung einen Stock zu halten oder tatsächlich mit einem Stock in den Händen auszuführen. Seine Empfehlung bezieht sich auf alle Kata, besagt aber nicht, dass der Übende dadurch den Umgang mit dem Stock erlernt.
Karate lernt man nicht durch raten. Jitte für eine Stock-Kata zu halten ist raten …

© Henning Wittwer

Montag, 13. April 2015

Karate-Lehrgänge: öffentlich & nicht öffentlich

Ich unterscheide zwischen öffentlichen und nicht öffentlichen Karate-Lehrgängen. Wenn mich ein Interessent einlädt, einen Karate-Lehrgang zu leiten, lautet eine meiner ersten Fragen, ob er öffentlich sein soll oder nicht. Heute klingt das vielleicht komisch, tatsächlich wurde Karate aber lange Zeit nicht öffentlich weitergegeben. Für mich sind die beiden Hauptgründe für diese Unterscheidung in der heutigen Zeit:

  1. das Vorrecht des Gastgebers und
  2. die zielgerichtete inhaltliche Gestaltung des Lehrgangs.

Mein Gastgeber trägt die gesamte organisatorische und finanzielle Last des Lehrgangs. Daher hat er von meiner Warte aus das Recht zu entscheiden, ob er den Lehrgang allein Mitgliedern seiner Übungsgruppe zugänglich machen möchte oder nicht. Durch die heute übliche Mentalität des „Internet-Sensei scheint die Auffassung vorzuherrschen, dass jeder alles über Karate wissen oder erfahren könne. Internet-Memes, Filmchen u. ä. von Bunkaiisten, Anhängern des Sport-Karate oder sonstigen „Experten“ zeigen quasi täglich, wie absurd diese Vorstellung ist. Sie belegen die schiere Inkompetenz dieser Internet-Sensei auf dem Feld des herkömmlichen Karate. Und sie zeigen deutlich, dass öffentlich zugängliches Wissen in vielen Fällen eher zweifelhaft als nützlich ist.

Möchte mein Gastgeber also lieber einen nicht öffentlichen Lehrgang, dann kann ich den praktischen und theoretischen Stoff entsprechend den Kenntnissen und Bedürfnissen dieser Übungsgruppe vorbereiten. Ist meinem Gastgeber ein öffentlicher Lehrgang lieber, dann weiß ich, dass ich den Stoff für ein Teilnehmerfeld vorbereiten muss, das über verschiedenartige Kenntnisse verfügt. Beides bringt Vor- und Nachteile mit sich.

Ein Vorteil des öffentlichen Lehrgangs ist die Möglichkeit, mit Karate-Anhängern verschiedenartiger Hintergründe zu trainieren. Ein damit zusammenhängender Nachteil besteht darin, dass durch die verschiedenartigen Hintergründe mehr Zeit zum Vermitteln eines Punkts – den wirklich alle Teilnehmer verstehen und umsetzen können sollen – nötig ist. Alles, was ich auf meinem Lehrgang vermittle, sollte von jedem einzelnen Teilnehmer innerhalb seines Lehrgebäudes nutzbringend weiter geübt werden können. Stammen alle Teilnehmer aus ein und demselben Lehrgebäude, ist dementsprechend weniger Zeit zum Vermitteln nötig.

Ein Vorteil des nicht öffentlichen Lehrgangs ist der vertraute Umgang der Teilnehmer untereinander. Er ermöglicht ein viel tieferes Ausloten des Übungsstoffs gemeinsam mit dem Trainingspartner. Häufig wollen einander unbekannte oder weniger bekannte Teilnehmer dem jeweils anderen beweisen, dass sie „stärker“ sind, über ein besseres Verständnis verfügen usw. Ein damit einhergehender möglicher Nachteil ist eine bei zwei miteinander vertrauten Partnern einsetzende Lethargie bzw. Passivität. So kann ein Partner dem anderen durch bloßes Hinnehmen das trügerische Bild vermitteln, dass er den Stoff ausreichend gut umsetzte. Mein Ziel ist das Vermitteln von echtem Verständnis, nicht das Aufbauen eines Trugbilds von „Verständnis“.

Mit anderen Worten, Gastgeber und Teilnehmer sollten einen nicht öffentlichen Lehrgang mit einer anderen Erwartungshaltung angehen als einen öffentlichen Lehrgang.

© Henning Wittwer

Freitag, 12. Dezember 2014

Neuer Lesestoff: "Karate. Kampfkunst. Hoplologie"

Schlechte Übersetzungen, die eher freien Interpretationen gleichen, falsch eingeordnete Quellen und die Unfähigkeit, Fehlschlüsse zu erkennen, führten und führen zu einem teilweise übel entstellten Verständnis von Karate: sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. In meinem neuen Buch skizziere ich einige Ursachen dieses mangelhaften Verständnisses. Anhand japanischer Quellen und eigener Untersuchungen korrigiere ich einige falsche Ansichten und zeige, wie Karate heute in der Praxis aufgewertet werden kann, wenn Ergebnisse ernsthafter Kampfkunstforschung erwogen und umgesetzt werden. Theorie und Praxis gehen tatsächlich Hand in Hand. Ist das theoretische Verständnis von der Geschichte, Lehre, Technik usw. des Karate mangelhaft, sieht die dazugehörige Karate-Praxis ähnlich aus.

Info und Bestellung:

https://www.gibukai.de/buch-shop/karate-kampfkunst-hoplologie/

© Henning Wittwer

Mittwoch, 12. März 2014

Erstes Märzwochenende 2014: Shōtōkan Stock Lehrgang in Niesky

Leicht ungläubig nahm ich im Vorfeld zur Kenntnis, dass am 1. und 2. März 2014 der tatsächlich schon zehnte jährlich stattfindende Shōtōkan Stock Lehrgang in Niesky durchgeführt werden sollte. Es war aber so ...
Eingeteilt in zwei Gruppen – Shōtōkan-Stock-Neulinge und „alte Hasen“ auf dem Gebiet –, vermittelte ich den Teilnehmern aus nah und fern die Abläufe der grundlegenden Kata Shūji no Kon und der ausgedehnteren Kata Matsukaze no Kon. Dabei stellte ich stilistische Unterschiede zu anderen Stockrichtungen mit Ursprung in Okinawa heraus und verdeutlichte für die Fortgeschrittenen Abweichungen zwischen der (ursprünglichen) Ausführung von Funakoshi Yoshitaka Sensei und der (modernen) des Nihon Karate-Dō Shōtōkai. Wichtig ist das deshalb, weil nicht jede Änderung eine verbesserte technische Wirksamkeit mit sich bringt.
In der Alte-Hasen-Gruppe gab es außerdem eine Einführung in das Bō-Dori von Funakoshi Gichin Sensei.
Beide Gruppen konnten sich erfolgreich ihre Kata-Abläufe einprägen (auch wenn es hier und da rauchende Köpfe gab), sie vertiefen und verbessern.
Die fundamental wichtige Beziehung zwischen leerer Hand und Stock erschließt sich vor allem bei der Vertiefung und Verbesserung der Stock-Kata, sicher aber nicht durch oberflächliches Nachäffen. Fraglos ist dafür die Aufnahme der Stockformen ins eigene Training erforderlich. Wie das methodisch sinnvoll geschehen kann, erklärte ich in Gruppe B.
Dazu gab es natürlich auch vielerlei Kumibō zu den jeweiligen Kata sowie Erläuterungen zu geschichtlichen Hintergründen (und Fehlannahmen).
Ich selbst freute mich sehr über ein konzentriert und wissbegierig mitarbeitendes Teilnehmerfeld.

Ein Bericht zum Lehrgang findet sich hier: "Nieskyer Karateka üben Stockkampf"

Danke nach München, Dessau, Leipzig, Dresden, Freiberg und natürlich Niesky (das „sogar“ ein eigenes Nummernschild hat …)!

© Henning Wittwer