Manchmal verlautbaren Leute, die sich für befähigt halten, ein solches Urteil abzuliefern, daß Karate „unrealistisch“ und ungeeignet für „die Straße“ sei. Mit „Karate“ meinen sie das, was sie selbst so aus ihrem meist nicht wirklich weiten Umfeld als „Karate“ kennen und für „Karate“ halten. Was oder wo genau „die Straße“ ist, läßt sich so leicht nicht beantworten, aber meist dürfte es sich dabei um eine eher diffuse Metapher für eine Situation handeln, in der sich jemand in einer nicht sportlichen Schlägerei wiederfindet oder als Opfer eines tätlichen Überfalls endet. Je nach Grad der Cleverness – weil wer den Durchblick hat, ist clever – werden dann Mixed Martial Arts (MMA), Krav Maga (KM) oder Supreme-Anti-Agonistic-Real-Terror-Vital-Point-Street-Defence-Jitsu (SAARTVPSDJ) – „Jitsu“ mit ‚i‘ – als „realistische“ Alternativen feilgeboten. Und damit verbunden entsteht ein Bild davon, wie ein „realistischer“ Kampf und folglich eine „realistische“ Vorbereitung auf denselben auszusehen hat. Klar, Karate kommt diesem Bild dann zumeist ganz und gar nicht nahe…
Ausweg aus dieser Misere ist, daß Karate „angepaßt“ werden „muß“, entweder subtil durch Integration von bunkaiistischen Lehren (die nichts anderes sind als MMA, KM, SAARTVPSDJ usw., welche in ein Karate-Korsett gezwängt wurden, um diesen bereits vorhandenen Markt nutzen zu können) oder direkt durch parallel laufendes Zusatztraining in MMA, KM, SAARTVPSDJ usw. Kurzum, nur wer diesem MMA-artigen Bild des sich prügelnden Kämpfens nahekommt, trainiert und ist „realistisch“!
Doch auch in einer Übungsform des Sport-Karate, die in Deutschland unverständlicherweise häufig „Randori“ genannt wird, findet manchmal nichts anderes als grobschlächtiges, mehr oder weniger „kontrolliertes“ Herumgeprügel statt. Dies läuft gerne mal unter dem Motto „nur die Harten kommen in den Garten“. Sorry, mit technisch ausgereiftem Karate hat so etwas nichts zu tun!
Kinder prügeln sich auf Schulhöfen – ohne jemals Karate oder gar MMA, KM, SAARTVPSDJ usw. trainiert zu haben. D.h., prügeln kann sich jeder. Je öfter sich jemand prügelt, desto versierter prügelt er sich. Um einfach mal „draufzukloppen“, brauche ich schlicht gar nichts trainieren.
Lange Rede, kurzer Sinn: Karate hat nichts mit einer Prügelei zu tun.
Funakoshi Gichin Sensei lehrte: „Karate ist die Kampfkunst der vollkommen tugendhaften Menschen (Kunshi).“
Einer seiner vielen Schüler, Kubota Shōichi Sensei, betonte: „Karate ist keine Rauftechnik (Kakutō-Gi).“
Und mein eigener Karate-Lehrer, Harada Mitsusuke Sensei, meint beispielsweise: „Karate ist kein Yakuza-Fighting.“
Aus technischer Sicht wäre es Zeit- und Energieverschwendung, einer technisch derartig tiefgründigen Kampfkunst wie Karate nachzugehen, wenn der Trainierende sich eigentlich nur hin und wieder mal prügeln oder in der Annahme einkuscheln will, daß er durch seine Trainingsteilnahme bestimmt als „Sieger“ aus künftigen Schlägereien hervorgehen wird. In diesen Fällen sind MMA, KM, SAARTVPSDJ usw. tatsächlich die sinnvollere Wahl.
Technisches Ziel im Budō-Karate ist die möglichst schnelle Beendigung einer kämpferischen Situation, nicht ein in die Länge gezogener Schlagaustausch. Und eben auf Grund dieses anspruchsvollen Ziels ist ein enormer Trainingsaufwand (und ein tatsächlich kompetenter Sensei) notwendig. Mein Trainingsziel diktiert Inhalt und Methode meines Trainings. Verfolge ich also ein anderes Ziel, wird es Zeit, mich dem Training einer anderen Kampfkunst, einem Kampfsport oder was auch immer zu widmen. Halte ich andererseits das technische Ziel des Budō-Karate für „realistisch“, erreichbar und erstrebenswert, dann muß ich auch demgemäß trainieren. Denn Wischiwaschi erzeugt Wischiwaschi…
© Henning Wittwer
Hier dreht sich alles rund ums Karate, vor allem die Praxis des Karate. Genauer gesagt geht es um das aus dem historischen Shōtōkan (1938-1945) stammende Karate, das ich lerne und trainiere, um ein paar Gedanken meines Lehrers sowie mein eigenes Training. Viel Spaß beim Lesen!
Montag, 19. Dezember 2011
Freitag, 7. Oktober 2011
Shōtōkan Stock Lehrgang in Basel, Schweiz
Für den 5. und 6. November 2011 erhielt ich eine freundliche Einladung in die Schweiz, nach Basel, um dort einen Karate-Lehrgang abzuhalten. Thema dieses Lehrgangs wird der Stock (Bō bzw. Kon) aus dem Shōtōkan sein.
Samstag Vormittag starten wir mit einem Vortrag zu den geschichtlichen, philosophischen und technischen Hintergründen des Stocks aus dem historischen Shōtōkan-Dōjō (1938-1945).
Dann folgt das schrittweise Erlernen des Ablaufs der Kata Shūji no Kon, welche im Shōtōkan-Ryū die Kihon-Gata mit dem Stock darstellt. Trainingsziel ist, daß jeder Teilnehmer den Ablauf nach dem Wochenende drauf hat, um ihn danach allein und seiner Shōtōkan-Ausprägung gemäß weiterüben zu können.
Natürlich führen wir zur Unterstützung jede Menge Partnerübungen durch, so daß nicht nur die Technik selbst klar wird, sondern auch die technische Verbindung von Stock und leerer Hand im Shōtōkan-Ryū.
Der Lehrgang dient der Einführung in das Thema, d.h. vor allem ist er für Karateka gedacht, die noch keine Erfahrungen mit dem Shōtōkan-Stock besitzen. Grundsätzlich sind Mitglieder aller Shōtōkan- und Shōtōkai-Gruppierungen willkommen. Jedoch sollten die Teilnehmer keine Anfänger sein und zumindest die Abläufe der ersten drei Heian-Formen kennen. Ein eigener Bō (ca. 1,82 m) wäre auch mitzubringen.
Zeitplan:
Samstag
9:oo - 12:oo Uhr und 14:oo - 17:oo Uhr
Sonntag
10:oo - 13:oo Uhr
Samstag
9:oo - 12:oo Uhr und 14:oo - 17:oo Uhr
Sonntag
10:oo - 13:oo Uhr
Trainingsort:
Turnhalle Missionsstrasse 21
4055 Basel
4055 Basel
Schweiz
Donnerstag, 18. August 2011
Die Gōrei-Krankheit
„Gōrei“ ist ein cooler, japanischer Begriff, der soviel wie „Kommando“ bedeutet. Gōrei sind häufig Zahlen, die im Kommandoton in Richtung der Karate-Schüler schallen. Etwa so:
„Ichi ! – Ni ! – San ! – Shi ! – Go !“
Oder:
“Ichi ! – Ni ! – San ! – Kiai !”
Natürlich können sie auch auf Deutsch gegeben werden (aber japanische Zahlen klingen irgendwie kompetenter…). Wahrscheinlich weiß jeder Karateka, was mit Gōrei gemeint ist. Daß Gōrei im Karate historische Gründe haben, erklärte ich schon an anderer Stelle und ich möchte sie hier nicht wiederholen.
Ich selbst lernte regelrecht von einem japanischen Sensei, wie ich (seiner Ansicht nach) ordentliche Gōrei zu geben habe, also in welcher Lautstärke, in welchem Tonfall, in welchem Timing in bezug zu den Schülern und in bezug zu meiner eigenen Technik.
Gōrei können unglaublich gut dabei helfen, unmotivierte Leute anzuheizen, eine Trainingsgruppe zu motivieren, die Laune und die Aufmerksamkeit zu steigern. Mit richtig eingesetzten Gōrei kann ein Rhythmus kreiert werden, Techniken sehen und fühlen sich zackiger oder auch kontrollierter an. Ein Karateka, der gut mit Gōrei umgehen kann, steht mit seinen Kommandos einem Drill Instructor kaum mehr nach. Und weil Gōrei so toll sind, müßte mal jemand auf die Idee kommen, einen Tonträger mit Gōrei auf den Markt zu bringen – „Karate mit Beats“ oder so ähnlich…
Wie auch immer. Nachdem ich bei meinem Karate-Lehrer anfing, war eines der ersten Dinge, das er bei mir diagnostizierte, etwas, das ich mal als die „Gōrei-Krankheit“ bezeichnen möchte. Gōrei fressen sich unmerklich in den Körper und den Geist eines Karateka. Einmal befallen, gibt es nur eine Möglichkeit, sich von den Symptomen zu befreien: Nie wieder Gōrei verwenden, weder aktiv, noch passiv! Aber dies geht – und das schreibe ich aus leidiger Erfahrung – nur sehr langsam und mühevoll.
Das Weglassen der Gōrei selbst ist relativ einfach (also wenn man sich nicht gerade innerhalb eines Umfeldes, das von Größen des Sport-Karate oder seiner Institutionen geprägt ist, bewegt). Doch die Symptome der Gōrei-Krankheit lassen sich nur sehr mühselig beseitigen. Wie genau diese Symptome aussehen, soll an anderer Stelle besprochen werden. Jetzt nur soviel: Die Gōrei-Krankheit wirkt sich auf die technische Wirksamkeit des Karate aus – und zwar ganz grundlegend. Sie behindert oder verhindert – abhängig von der Zielstellung des Keiko selbstverständlich – technischen Fortschritt.
Genau deswegen haben Gōrei keinen Platz im Karate meines Sensei und damit in meinem Karate.
Wichtig wäre noch festzuhalten, daß Gōrei ganz klar „nur“ ein Stein innerhalb eines – im Idealfalle – in sich schlüssigen Lehrgebäudes sind. D.h., nur durch ihre Beseitigung allein entsteht nichts, das plötzlich mehr Güte oder Wert hätte. Dennoch hat jeder Stein im Lehrgebäude eine Bewandtnis oder besser eine Wirkung, die sich positiv oder negativ bei der angestrebten Verwirklichung meines Trainingsziels bemerkbar macht.
© Henning Wittwer
„Ichi ! – Ni ! – San ! – Shi ! – Go !“
Oder:
“Ichi ! – Ni ! – San ! – Kiai !”
Natürlich können sie auch auf Deutsch gegeben werden (aber japanische Zahlen klingen irgendwie kompetenter…). Wahrscheinlich weiß jeder Karateka, was mit Gōrei gemeint ist. Daß Gōrei im Karate historische Gründe haben, erklärte ich schon an anderer Stelle und ich möchte sie hier nicht wiederholen.
Ich selbst lernte regelrecht von einem japanischen Sensei, wie ich (seiner Ansicht nach) ordentliche Gōrei zu geben habe, also in welcher Lautstärke, in welchem Tonfall, in welchem Timing in bezug zu den Schülern und in bezug zu meiner eigenen Technik.
Gōrei können unglaublich gut dabei helfen, unmotivierte Leute anzuheizen, eine Trainingsgruppe zu motivieren, die Laune und die Aufmerksamkeit zu steigern. Mit richtig eingesetzten Gōrei kann ein Rhythmus kreiert werden, Techniken sehen und fühlen sich zackiger oder auch kontrollierter an. Ein Karateka, der gut mit Gōrei umgehen kann, steht mit seinen Kommandos einem Drill Instructor kaum mehr nach. Und weil Gōrei so toll sind, müßte mal jemand auf die Idee kommen, einen Tonträger mit Gōrei auf den Markt zu bringen – „Karate mit Beats“ oder so ähnlich…
Wie auch immer. Nachdem ich bei meinem Karate-Lehrer anfing, war eines der ersten Dinge, das er bei mir diagnostizierte, etwas, das ich mal als die „Gōrei-Krankheit“ bezeichnen möchte. Gōrei fressen sich unmerklich in den Körper und den Geist eines Karateka. Einmal befallen, gibt es nur eine Möglichkeit, sich von den Symptomen zu befreien: Nie wieder Gōrei verwenden, weder aktiv, noch passiv! Aber dies geht – und das schreibe ich aus leidiger Erfahrung – nur sehr langsam und mühevoll.Das Weglassen der Gōrei selbst ist relativ einfach (also wenn man sich nicht gerade innerhalb eines Umfeldes, das von Größen des Sport-Karate oder seiner Institutionen geprägt ist, bewegt). Doch die Symptome der Gōrei-Krankheit lassen sich nur sehr mühselig beseitigen. Wie genau diese Symptome aussehen, soll an anderer Stelle besprochen werden. Jetzt nur soviel: Die Gōrei-Krankheit wirkt sich auf die technische Wirksamkeit des Karate aus – und zwar ganz grundlegend. Sie behindert oder verhindert – abhängig von der Zielstellung des Keiko selbstverständlich – technischen Fortschritt.
Genau deswegen haben Gōrei keinen Platz im Karate meines Sensei und damit in meinem Karate.
Wichtig wäre noch festzuhalten, daß Gōrei ganz klar „nur“ ein Stein innerhalb eines – im Idealfalle – in sich schlüssigen Lehrgebäudes sind. D.h., nur durch ihre Beseitigung allein entsteht nichts, das plötzlich mehr Güte oder Wert hätte. Dennoch hat jeder Stein im Lehrgebäude eine Bewandtnis oder besser eine Wirkung, die sich positiv oder negativ bei der angestrebten Verwirklichung meines Trainingsziels bemerkbar macht.
© Henning Wittwer
Dienstag, 12. Juli 2011
Shūji no Kon: Die grundlegende Stock-Kata im Shōtōkan-Ryū
Nachdem ich bereits ein paar Worte zu den Kata Hangetsu und Tekki verloren habe, möchte ich mal auf Shūji no Kon zu sprechen kommen. Shūji no Kon ist eine Kata, die den Umgang mit dem Kampfstock (Kon oder Bō) schult. Diesbezüglich ist sie die Kihon-Gata im Karate-Dō Shōtōkan Ryū. Wenn also ein Karate-Schüler im Shōtōkan-Ryū an den Umgang mit dem Stock herangeführt wird, geschieht dies zu Beginn mittels Shūji no Kon.
Wie alle Kata innerhalb des Shōtōkan-Ryū verfügt Shūji no Kon über bestimmte systemimmanente Merkmale, die sie von den Versionen anderer Ryūha (oder Organisationen) unterscheidet. (Ich erwähne das, weil ich schon öfter gefragt wurde, ob es denn Unterschiede zwischen der Shōtōkan-Fassung und anderen Shūji no Kon gibt.)
Und genau dieser Punkt macht die Sache so faszinierend und wertvoll!
Jedenfalls gehört – wie bei allen Kihon-Gata – die geringe Anzahl an Bewegungen zu ihren Attributen. Tsuki und Uchi-Komi sind die ersten Techniken mit dem Stock, die ein Neuling mittels dieser Kata lernt. Die Stände, Fußbewegungen, der „Karate-Körper“ usw. bleiben dabei dieselben, wie bei den Kata ohne Stock. Und es wäre widersinnig, wenn dem nicht so wäre.
Gleichzeitig dürfte dem Neuling dabei ein weiterer, fundamentaler Unterschied zwischen Budō und Sport klar werden. Plötzlich wird mit einer Waffe trainiert, die richtig wehtun und gefährlich werden kann. Da ist nämlich ein Unterscheid zwischen einem blauen Auge, das ich mir „im Ring“ einfange, und einer Stockspitze, die sich in mein Auge (oder das des Gegners) bohrt… Allein für diese Erkenntnis würde sich die Übung von Shūji no Kon lohnen.
Ein weiteres technisches Merkmal ist die „Einseitigkeit“ dieser Kata. D.h., während der gesamten Kata befindet sich meine rechte Hand vorn am Stock und dieser Griff wird nicht gewechselt.
Im Shōtōkan-Ryū gilt die Formel „leere Hand als erstes, Waffen später“. Also sollten Karateka zuerst die Kihon-Gata Taikyoku, Heian und Tekki lernen und danach mit Shūji no Kon fortsetzen. Erfolgt der Lernprozeß nicht Schritt für Schritt, kann ein Lernerfolg fraglich werden oder ganz ausbleiben.
Schließlich ist vielleicht noch der Stock selbst nicht ganz unwichtig. Obwohl eigentlich jede Bō-Form (die mehr oder weniger 1,82 m lang sein sollte) verwendet werden kann, war die im historischen Shōtōkan (1938-1945) bevorzugte eine mit dünner werdenden Enden, bei der folglich die Mitte den größten Durchmesser hat. Es sollte sich um einen einsatztauglichen, schweren Stock handeln und nicht um ein dünnes, leichtes „Wettkampfmodell“. Letzteres wäre dem eigentlichen Training im Budō-Karate schlicht nicht zuträglich.
© Henning Wittwer
Wie alle Kata innerhalb des Shōtōkan-Ryū verfügt Shūji no Kon über bestimmte systemimmanente Merkmale, die sie von den Versionen anderer Ryūha (oder Organisationen) unterscheidet. (Ich erwähne das, weil ich schon öfter gefragt wurde, ob es denn Unterschiede zwischen der Shōtōkan-Fassung und anderen Shūji no Kon gibt.)
Und genau dieser Punkt macht die Sache so faszinierend und wertvoll!
Jedenfalls gehört – wie bei allen Kihon-Gata – die geringe Anzahl an Bewegungen zu ihren Attributen. Tsuki und Uchi-Komi sind die ersten Techniken mit dem Stock, die ein Neuling mittels dieser Kata lernt. Die Stände, Fußbewegungen, der „Karate-Körper“ usw. bleiben dabei dieselben, wie bei den Kata ohne Stock. Und es wäre widersinnig, wenn dem nicht so wäre.
Gleichzeitig dürfte dem Neuling dabei ein weiterer, fundamentaler Unterschied zwischen Budō und Sport klar werden. Plötzlich wird mit einer Waffe trainiert, die richtig wehtun und gefährlich werden kann. Da ist nämlich ein Unterscheid zwischen einem blauen Auge, das ich mir „im Ring“ einfange, und einer Stockspitze, die sich in mein Auge (oder das des Gegners) bohrt… Allein für diese Erkenntnis würde sich die Übung von Shūji no Kon lohnen.
Ein weiteres technisches Merkmal ist die „Einseitigkeit“ dieser Kata. D.h., während der gesamten Kata befindet sich meine rechte Hand vorn am Stock und dieser Griff wird nicht gewechselt.
Im Shōtōkan-Ryū gilt die Formel „leere Hand als erstes, Waffen später“. Also sollten Karateka zuerst die Kihon-Gata Taikyoku, Heian und Tekki lernen und danach mit Shūji no Kon fortsetzen. Erfolgt der Lernprozeß nicht Schritt für Schritt, kann ein Lernerfolg fraglich werden oder ganz ausbleiben.
Schließlich ist vielleicht noch der Stock selbst nicht ganz unwichtig. Obwohl eigentlich jede Bō-Form (die mehr oder weniger 1,82 m lang sein sollte) verwendet werden kann, war die im historischen Shōtōkan (1938-1945) bevorzugte eine mit dünner werdenden Enden, bei der folglich die Mitte den größten Durchmesser hat. Es sollte sich um einen einsatztauglichen, schweren Stock handeln und nicht um ein dünnes, leichtes „Wettkampfmodell“. Letzteres wäre dem eigentlichen Training im Budō-Karate schlicht nicht zuträglich.
© Henning Wittwer
Sonntag, 19. Juni 2011
Training in Freiberg
Einer meiner Trainingspartner, Rico Fuchs, studiert in der schön gelegenen Stadt Freiberg. Nicht zufällig begab ich mich also vergangene Woche mit zwei weiteren Mitgliedern unserer Gruppe in diese sächsische Universitätsstadt. Als Sahnehäubchen sollte unserem gemeinsamen Training dort wunderbares Wetter aufgesetzt werden.
Ausgangspunkt unseres Keiko bildete die Kata Kankū, der wir Sakugawa no Kon folgen ließen. Im Partnertraining nutzte ich die Anfangsbewegung aus Kankū, den Tsuki no Maru, um die Verbindung zwischen Kata und Kumite zu festigen. Selbstverständlich meine ich damit nicht, daß wir uns dem „Bunkai“ hingaben. Nein, wirklich nicht!
Vielmehr hilft diese Bewegung beim Finden und Einstellen des „Karate-Körpers“, wie es Harada Sensei nennt. Dabei gibt es unglaublich viel zu beachten und auszufeilen und falsch zu verstehen. Einziger Ausweg: Üben, Nachjustieren, Um-die-Ecke-denken, weitertrainieren…
Hinzu kam, darauf aufbauend, schließlich noch die Problematik des Einschlagtimings. Karate-Körper und Timing sind zwei Elemente für eine wirksame Technik. Alles in allem sehr viel Stoff und doch nur ein Bruchteil unseres Lehrgebäudes.
Anbei ein, zwei Bilder, die einen kleinen Eindruck von unserem Keiko in Freiberg vermitteln.
Motiviertes und intensives Training!
© Henning Wittwer
Ausgangspunkt unseres Keiko bildete die Kata Kankū, der wir Sakugawa no Kon folgen ließen. Im Partnertraining nutzte ich die Anfangsbewegung aus Kankū, den Tsuki no Maru, um die Verbindung zwischen Kata und Kumite zu festigen. Selbstverständlich meine ich damit nicht, daß wir uns dem „Bunkai“ hingaben. Nein, wirklich nicht!
Vielmehr hilft diese Bewegung beim Finden und Einstellen des „Karate-Körpers“, wie es Harada Sensei nennt. Dabei gibt es unglaublich viel zu beachten und auszufeilen und falsch zu verstehen. Einziger Ausweg: Üben, Nachjustieren, Um-die-Ecke-denken, weitertrainieren…
Hinzu kam, darauf aufbauend, schließlich noch die Problematik des Einschlagtimings. Karate-Körper und Timing sind zwei Elemente für eine wirksame Technik. Alles in allem sehr viel Stoff und doch nur ein Bruchteil unseres Lehrgebäudes.Anbei ein, zwei Bilder, die einen kleinen Eindruck von unserem Keiko in Freiberg vermitteln.
Motiviertes und intensives Training!
© Henning Wittwer
Freitag, 10. Juni 2011
Osae
Jedes Training – selbstverständlich auch das Karate-Training – steht auf einer theoretischen Basis. Technische Fertigkeit (Waza) beruht im Karate ebenso auf einer theoretischen Basis. Das Verständnis einer solchen theoretischen Basis ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, technischen Irrwegen und Sackgassen aus dem Weg zu gehen. Und fraglos hilft es auf die eine oder andere Weise bei der eigentlichen körperlichen Umsetzung.
Auf meinen Karate-Wanderungen stellte ich fest, daß alle der besseren japanischen Sensei ein solches theoretisches Gerüst im Hinterkopf hatten. Einige hielten sich nur daran, ohne es in Worte zu fassen. Andere hielten sich daran und versuchten, es gleichzeitig in verbaler Form zu vermitteln. (Ich formulierte die letzten Sätze so, weil es leider auch Leute gibt, die vor allem in der Theorie zu Hause sind. Aber das ist ein anderes Thema…)
Nun ist ein ziemlich wichtiger Punkt der der Krafterzeugung, die Frage also, wie bekomme ich Bums! hinter meine Waza. In den Shōtōkan-Richtungen existiert dafür in der Theorie eine schlicht klingende, öfter zu hörende Formel: „Druck zum Boden.“ So oder ähnlich wird diese Theorie in Worte gefaßt. Noch kürzer ist „Osae“.
Obwohl nun Lehrkräfte scheinbar aller Shōtōkan-Gruppierungen diese Theorie als Lehrsatz gebrauchen, unterscheidet sich die körperliche Umsetzung von Sensei zu Sensei. Oder sie unterscheidet sich von Gruppierung zu Gruppierung. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen, doch er ist vorhanden.
O.k., hier taucht ein Problem auf. Ich borge mal schnell das Klischeebild vom „leeren Becher“. Wie viele Karateka gingen oder gehen mit einem wirklich „leeren Becher“ in das Training eines fremden Sensei? Eben! Häufig sind starrsinnige oder unbeholfene Ignoranz und Besserwisserei die liebgewordenen Begleiter im Training, in jedem Training…
Wer nicht in der Lage ist, zuzusehen, hinzuhören, zu verstehen, nun, dem werden technische Unterschiede, ganz zu schweigen von technischen Feinheiten, ganz einfach nicht klar werden.
Gerade bei der Krafterzeugung im Shōtōkan-Ryū – „Druck zum Boden“, „Druck mit dem hinteren Bein“, „Osae“ usw. – gibt es viele kleine Unterschiede. Im Fall einer bestimmten Vereinigung sind die Gelenke sehr stark involviert. Und Überraschung: Ältere Sensei dieser Vereinigung laufen mit Hüft- und Knieproblemen durch die Karate-Welt. In einem anderen Fall läuft Osae eher über den bewußten Einsatz bestimmter Muskeln. Die genauen Unterschiede schriftlich zu klären, ist nicht möglich. Wichtig finde ich jedoch, daß diese Unterschiede ins Bewußtsein rücken müssen. Wer sie kennt, der weiß (jenseits gestueller Unterschiede) ziemlich rasch, aus welcher Shōtōkan-Richtung ein fremder Karateka kommt. Wer sie kennt, der kann zielorientiert trainieren, ohne sich von solchen Unterschieden verwirren zu lassen.
Beim Kata-Training wird ziemlich deutlich, wer mit Osae vertraut ist und wer nicht. Ein Anzeichen ist z.B. die Fußaußenkante oder die Ferse. Befindet sich eine von beiden in kritischen Augenblicken in freier Schwebe, dann kann kaum von echtem Verständnis oder Einsatz von Osae gesprochen werden.
Kurzgefaßt ist es sinnvoll, folgende Punkte zu bedenken:
Für den Sport-Karateka sind sowohl diese Fragen, als auch die entsprechenden Antworten bedeutungslos. „Krafterzeugung“ ist für ihn eher unwichtig. Im Budō-Karate dagegen sind diese Fragen grundlegend wichtig und die individuellen Antworten geben Auskunft darüber, wohin mich mein Keiko führt und ob es mich überhaupt irgendwohin führen kann.
© Henning Wittwer
Auf meinen Karate-Wanderungen stellte ich fest, daß alle der besseren japanischen Sensei ein solches theoretisches Gerüst im Hinterkopf hatten. Einige hielten sich nur daran, ohne es in Worte zu fassen. Andere hielten sich daran und versuchten, es gleichzeitig in verbaler Form zu vermitteln. (Ich formulierte die letzten Sätze so, weil es leider auch Leute gibt, die vor allem in der Theorie zu Hause sind. Aber das ist ein anderes Thema…)
Nun ist ein ziemlich wichtiger Punkt der der Krafterzeugung, die Frage also, wie bekomme ich Bums! hinter meine Waza. In den Shōtōkan-Richtungen existiert dafür in der Theorie eine schlicht klingende, öfter zu hörende Formel: „Druck zum Boden.“ So oder ähnlich wird diese Theorie in Worte gefaßt. Noch kürzer ist „Osae“.
Obwohl nun Lehrkräfte scheinbar aller Shōtōkan-Gruppierungen diese Theorie als Lehrsatz gebrauchen, unterscheidet sich die körperliche Umsetzung von Sensei zu Sensei. Oder sie unterscheidet sich von Gruppierung zu Gruppierung. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen, doch er ist vorhanden.
O.k., hier taucht ein Problem auf. Ich borge mal schnell das Klischeebild vom „leeren Becher“. Wie viele Karateka gingen oder gehen mit einem wirklich „leeren Becher“ in das Training eines fremden Sensei? Eben! Häufig sind starrsinnige oder unbeholfene Ignoranz und Besserwisserei die liebgewordenen Begleiter im Training, in jedem Training…
Wer nicht in der Lage ist, zuzusehen, hinzuhören, zu verstehen, nun, dem werden technische Unterschiede, ganz zu schweigen von technischen Feinheiten, ganz einfach nicht klar werden.
Gerade bei der Krafterzeugung im Shōtōkan-Ryū – „Druck zum Boden“, „Druck mit dem hinteren Bein“, „Osae“ usw. – gibt es viele kleine Unterschiede. Im Fall einer bestimmten Vereinigung sind die Gelenke sehr stark involviert. Und Überraschung: Ältere Sensei dieser Vereinigung laufen mit Hüft- und Knieproblemen durch die Karate-Welt. In einem anderen Fall läuft Osae eher über den bewußten Einsatz bestimmter Muskeln. Die genauen Unterschiede schriftlich zu klären, ist nicht möglich. Wichtig finde ich jedoch, daß diese Unterschiede ins Bewußtsein rücken müssen. Wer sie kennt, der weiß (jenseits gestueller Unterschiede) ziemlich rasch, aus welcher Shōtōkan-Richtung ein fremder Karateka kommt. Wer sie kennt, der kann zielorientiert trainieren, ohne sich von solchen Unterschieden verwirren zu lassen.
Beim Kata-Training wird ziemlich deutlich, wer mit Osae vertraut ist und wer nicht. Ein Anzeichen ist z.B. die Fußaußenkante oder die Ferse. Befindet sich eine von beiden in kritischen Augenblicken in freier Schwebe, dann kann kaum von echtem Verständnis oder Einsatz von Osae gesprochen werden.
Kurzgefaßt ist es sinnvoll, folgende Punkte zu bedenken:
- Weiß ich etwas von „Osae“?
- Verfügt mein Trainer/Lehrer/Sensei über Osae?
- Kann er es vermitteln?
- Bin ich mir über Unterschiede im klaren?
- Kann ich es praktisch umsetzen?
Für den Sport-Karateka sind sowohl diese Fragen, als auch die entsprechenden Antworten bedeutungslos. „Krafterzeugung“ ist für ihn eher unwichtig. Im Budō-Karate dagegen sind diese Fragen grundlegend wichtig und die individuellen Antworten geben Auskunft darüber, wohin mich mein Keiko führt und ob es mich überhaupt irgendwohin führen kann.
© Henning Wittwer
Dienstag, 24. Mai 2011
Erinnerung an Funakoshi Yoshitaka aus dem Shōtōkan-Ryū
Heute kennen wahrscheinlich viele geschichtlich interessierte Anhänger des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū den Namen Funakoshi Gichin. Scheinbar unbekannt, zumindest aber sehr viel weniger bekannt ist der Sohn von Funakoshi Sensei, Funakoshi Yoshitaka Sensei. (Sein Name kann bei gleichen Schriftzeichen auch Funakoshi Gigō gelesen werden.)
Wenige Karate-Anhänger scheinen zu wissen, daß Funakoshi Yoshitaka Sensei zum direkten Assistenten seines Vaters berufen wurde. Somit wirkte er aktiv und weiträumig bei der Ausarbeitung und beim Unterrichten des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū mit. So verdanken wir ihm Übungsformen, wie Ten no Kata, Chi no Kata oder auch die Stock-Kata Matsukaze no Kon, die er mit Hilfe seines Vaters zusammenstellte.
Durch diese Übungsformen stellte er klare Richtlinien auf, wie Shōtōkan-Ryū auszusehen hat und wie es folglich geübt und umgesetzt wird. Seinem Einsatz verdanken wir also, daß unser Training nicht auf Spekulationen über Inhalte beruht, sondern auf konkretem, in der Praxis getestetem Lehrstoff.
In meinem Fall war es tatsächlich so, daß mich manchmal nur vage, aber um so phantastischere Geschichten über die Person von Funakoshi Yoshitaka Sensei zu meinem heutigen Karate-Lehrer brachten. Denn Harada Sensei entstammt einer Übertragungslinie, die unmittelbar auf Yoshitaka Sensei zurückgeht. Sie ist einzigartig.
Hier möchte ich noch einen Gedanken meines Karate-Lehrers anschließen. Er stellte schon manches Mal die Frage in den Raum, wie denn die Karate-Welt heute aussähe, wenn Yoshitaka Sensei nicht schon so jung verstorben wäre. Seiner Meinung nach, gäbe es dann mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Wettkampf innerhalb der Shōtōkan-Strömung, es würde ein ganz anderes technisches Niveau vorherrschen und die JKA wäre wohl nie gegründet worden…
Zur Person, zum Wirken und zum technischen Einfluß von Funakoshi Yoshitaka Sensei finden Sie viele Details (die korrekten…) in Band I und Band II meines Buchs.
Update 2018: Im neu erschienenen Band III stelle ich fünf Unterweisungen von Funakoshi Yoshitaka Sensei sowie eine Lebensbeschreibung vor.
© Henning Wittwer
Wenige Karate-Anhänger scheinen zu wissen, daß Funakoshi Yoshitaka Sensei zum direkten Assistenten seines Vaters berufen wurde. Somit wirkte er aktiv und weiträumig bei der Ausarbeitung und beim Unterrichten des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū mit. So verdanken wir ihm Übungsformen, wie Ten no Kata, Chi no Kata oder auch die Stock-Kata Matsukaze no Kon, die er mit Hilfe seines Vaters zusammenstellte.
Durch diese Übungsformen stellte er klare Richtlinien auf, wie Shōtōkan-Ryū auszusehen hat und wie es folglich geübt und umgesetzt wird. Seinem Einsatz verdanken wir also, daß unser Training nicht auf Spekulationen über Inhalte beruht, sondern auf konkretem, in der Praxis getestetem Lehrstoff.
In meinem Fall war es tatsächlich so, daß mich manchmal nur vage, aber um so phantastischere Geschichten über die Person von Funakoshi Yoshitaka Sensei zu meinem heutigen Karate-Lehrer brachten. Denn Harada Sensei entstammt einer Übertragungslinie, die unmittelbar auf Yoshitaka Sensei zurückgeht. Sie ist einzigartig.
Hier möchte ich noch einen Gedanken meines Karate-Lehrers anschließen. Er stellte schon manches Mal die Frage in den Raum, wie denn die Karate-Welt heute aussähe, wenn Yoshitaka Sensei nicht schon so jung verstorben wäre. Seiner Meinung nach, gäbe es dann mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Wettkampf innerhalb der Shōtōkan-Strömung, es würde ein ganz anderes technisches Niveau vorherrschen und die JKA wäre wohl nie gegründet worden…
Zur Person, zum Wirken und zum technischen Einfluß von Funakoshi Yoshitaka Sensei finden Sie viele Details (die korrekten…) in Band I und Band II meines Buchs.
Update 2018: Im neu erschienenen Band III stelle ich fünf Unterweisungen von Funakoshi Yoshitaka Sensei sowie eine Lebensbeschreibung vor.
© Henning Wittwer
Abonnieren
Posts (Atom)


