Mittwoch, 12. März 2014

Erstes Märzwochenende 2014: Shōtōkan Stock Lehrgang in Niesky

Leicht ungläubig nahm ich im Vorfeld zur Kenntnis, dass am 1. und 2. März 2014 der tatsächlich schon zehnte jährlich stattfindende Shōtōkan Stock Lehrgang in Niesky durchgeführt werden sollte. Es war aber so ...
Eingeteilt in zwei Gruppen – Shōtōkan-Stock-Neulinge und „alte Hasen“ auf dem Gebiet –, vermittelte ich den Teilnehmern aus nah und fern die Abläufe der grundlegenden Kata Shūji no Kon und der ausgedehnteren Kata Matsukaze no Kon. Dabei stellte ich stilistische Unterschiede zu anderen Stockrichtungen mit Ursprung in Okinawa heraus und verdeutlichte für die Fortgeschrittenen Abweichungen zwischen der (ursprünglichen) Ausführung von Funakoshi Yoshitaka Sensei und der (modernen) des Nihon Karate-Dō Shōtōkai. Wichtig ist das deshalb, weil nicht jede Änderung eine verbesserte technische Wirksamkeit mit sich bringt.
In der Alte-Hasen-Gruppe gab es außerdem eine Einführung in das Bō-Dori von Funakoshi Gichin Sensei.
Beide Gruppen konnten sich erfolgreich ihre Kata-Abläufe einprägen (auch wenn es hier und da rauchende Köpfe gab), sie vertiefen und verbessern.
Die fundamental wichtige Beziehung zwischen leerer Hand und Stock erschließt sich vor allem bei der Vertiefung und Verbesserung der Stock-Kata, sicher aber nicht durch oberflächliches Nachäffen. Fraglos ist dafür die Aufnahme der Stockformen ins eigene Training erforderlich. Wie das methodisch sinnvoll geschehen kann, erklärte ich in Gruppe B.
Dazu gab es natürlich auch vielerlei Kumibō zu den jeweiligen Kata sowie Erläuterungen zu geschichtlichen Hintergründen (und Fehlannahmen).
Ich selbst freute mich sehr über ein konzentriert und wissbegierig mitarbeitendes Teilnehmerfeld.

Ein Bericht zum Lehrgang findet sich hier: "Nieskyer Karateka üben Stockkampf"

Danke nach München, Dessau, Leipzig, Dresden, Freiberg und natürlich Niesky (das „sogar“ ein eigenes Nummernschild hat …)!

© Henning Wittwer

Sonntag, 2. März 2014

Der Karate-Körper

„Karate-Körper“ ist ein Ausdruck, der immer wieder von meinem Karate-Lehrer, Harada Mitsusuke Sensei, verwendet wird. Ich möchte hier – wie schon angekündigt – den Versuch wagen, ihn zu erklären. Jede Sportart hat besondere Anforderungen an einen Athleten. Trainiert der Athlet auf hohem Niveau, wird er im Rahmen dieser Sportart sportliche Erfolge erzielen können. Wegen der besonderen Anforderungen seiner Sportart entwickelt der Sportler bestimmte Muskeln stärker als vielleicht andere. Auf diese Weise bildet er einen Körper aus, der den Anforderungen seiner Sportart entspricht. Das ist ganz normal. Der Körper eines Profischwimmers sieht anders aus als der Körper eines Profifußballers oder der Körper eines Profilangstreckenläufers oder der Körper eines Profiboxers. Wird Karate regelmäßig und systematisch ausgeübt, entwickelt sich mit der Zeit ebenfalls ein Körper, der den spezifischen Anforderungen des Karate-Trainings entspricht.


Karate ist aber nicht gleich Karate. Daher sind auch die spezifischen Anforderungen an das Karate-Training teilweise sehr unterschiedlich. Ich beziehe mich an dieser Stelle auf mein persönliches Karate-Training, das dem Unterricht meines Karate-Lehrers folgt. Deswegen ist auch der Begriff „Karate-Körper“ mit meinem persönlichen Karate-Training verknüpft. Beispielsweise stellt der Typus großer, muskulöser Mann als Karate-Ausbilder (für tolle Sachen wie Bunkai, Real-Street-Fight, Knockdown-Karate usw.) keinen Karate-Körper in meinem Sinn dar. In meinem Karate-Training muss auch eine kleine Person oder eine Frau die Fertigkeit erlangen, reale technische Wirksamkeit an Trainingspartnern erzeugen und sich selbst schützen zu können. Das meint Karate-Körper in meinem Sinn.

Kurz zusammengefasst ist der Karate-Körper:

  1. die körperliche Erscheinung des Karateka nach langem, regelmäßigen Keiko
  2. ein körperlicher (und geistiger) Zustand, in den sich der Karateka versetzt

Zur körperlichen Erscheinung des Karate-Adepten würde sich ein Bildervergleich anbieten – aber das wäre wohl aus Sicht der Vergleichssubjekte nicht so toll. (Wobei selbstverständlich die Sichtweise ausschlaggebend ist.) Allgemein sind die stolz geschwellte Brust, die massiven und/oder hohen Schultern oder auch breitbeiniges Herumgestehe Merkmale, die mit dem Karate-Körper, wie ich ihn verstehe, nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Diese Merkmale künden von vielerlei Fähigkeiten, bloß nicht von den Karate-Fähigkeiten, auf die mein Keiko abzielt. D. h. auf den ersten Blick ist erkennbar, dass diese Körper nicht dieselbe technische Wirkung hervorbringen, die Adepten meiner Karate-Ausprägung hervorbringen. Bestenfalls können sie sie (rein äußerlich) schlecht nachäffen.

Im Keiko selbst versuche ich einen Zustand zu erreichen, der meinem bisherigen Verständnis des Karate-Körpers nahe kommt. Dabei muss das Skelett und die gesamte Muskulatur einbezogen werden. Natürlich funktioniert das nicht ohne aktives Nachdenken und Bewusst machen der Vorgänge, die sich unter meiner Haut abspielen. Also gehört zum Karate-Körper auch „geistige“ Tätigkeit. Den Kopf „abschalten“ kann ich in meinem Keiko folglich  nicht. In diesen Zustand möchte ich gelangen, um technische Wirksamkeit am Trainingspartner zu erzielen. Leicht daher geschrieben, schwer in die Tat umzusetzen. Ab einem bestimmten Stadium (jenseits der völlig grobschlächtigen Anfängerzeit) handelt es sich beim Finden des Karate-Körpers um sehr subtile Punkte. Ein Beispiel: bei einer bestimmten Partnerübung fragte ich mich, weshalb mein mich angreifender Partner trotz meiner Anstrengungen und meiner Selbsteinschätzung nach eigentlich guten Ausführung keine Reaktion sehen ließ. Nach einer Weile erlöste mich mein Karate-Lehrer, indem er mich fragte, ob ich die Kata Jion kenne. Bei mir machte es Klick, ich passte meinen Karate-Körper an und mein Partner reagierte unmittelbar. „Jion“ klingt für Außenstehende sehr allgemein, aber mir war situationsbedingt klar, was genau er von mir wollte und was ich zu tun hatte. In diesem Augenblick wäre es für Außenstehende auch kaum möglich gewesen, meine Umsetzung seiner verbalen Hilfestellung nachzuvollziehen. Denn meine äußerliche Haltung änderte sich nicht – unter meiner Haut spielte sich das eigentliche Geschehen ab.

Ein korrekt ausgebildeter Karate-Körper gleicht einem Bonbon. Die bunte Verpackung des Bonbons steht für Kata, Kata-Gesten, „Techniken“ usw. Sie sieht gut aus und erinnert einen an ein richtiges Bonbon. Sie ist letztlich aber wertlos, weil sie eben nur Verpackung ist. Mit dem Karate-Körper kann jede Handlung zu einer wirksamen Technik werden. Auf hohem Niveau wird jede noch so kleine, kaum mehr wahrnehmbare Bewegung technische Wirksamkeit auf einen angreifenden Trainingspartner übertragen.

Ich halte das für einen wichtigen Punkt. Er zeigt, wie verkehrt der moderne „Bunkai“-Ansatz tatsächlich ist bzw. in welche Sackgasse er führt (aus meiner Sicht). Der Bunkaiist vergeudet wertvolle Lebenszeit mit Bonbonpapier und verwechselt das Papier mit dem Bonbon. Bonbonpapier ohne Bonbon ist nur leere Hülle. Kata, Kata-Gesten, „Techniken“ usw. ohne Karate-Körper sind substanzlos.


Was ist nötig, um einen Karate-Körper auszubilden? Grundsätzlich ist ein Karate-Lehrer notwendig, um einen Karate-Körper (dem „Vorbild“ des Lehrers entsprechend) auszubilden. Außerdem ist das Üben mit Karate-Waffen wie Bō und Sai unabdingbar.


Wer kann sich einen Karate-Körper aneignen? Tatsächlich kann jeder einen Karate-Körper (im Sinne meines Karate-Lehrers) ausbilden. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass Personen, die noch nie mit Karate (oder einer anderen Kampfkunst) zu tun hatten, am einfachsten angeleitet werden können. Echte Anfänger wissen nicht, was Karate ist und wie Karate sein soll. Daher gehen sie ohne Vorurteile und eigene Meinung zum Karate in unser Training. Personen, die sich zehn, zwanzig oder mehr Jahre mühsam ein Karate (wie und woher auch immer) aneigneten, werden nicht dazu in der Lage sein. Denn sie „wissen“ ja schon, was die Uhr geschlagen hat. Falls diese Karateka in der Lage sind, ihr bisheriges Können (und Wissen) völlig in den Hintergrund zu schieben – es zu „vergessen“ – und einen langwierigen Prozess des Neulernens eingehen, dann besteht vielleicht eine Chance. Verständlicherweise möchte kaum jemand einen solch radikalen Schritt tun. Dennoch wäre er nötig, um zielorientiert und effektiv verbal und vor allem körperlich kommunizieren zu können.

© Henning Wittwer

Sonntag, 12. Januar 2014

Karate-Lehrgang in Niesky

Am erstem März-Wochenende wird ein Karate-Lehrgang mit mir in Niesky veranstaltet. Thematisch geht es um den Stock im Shōtōkan-Ryū. Wie in den letzten Jahren auch, wird es zwei Gruppen geben. Einzelheiten können dem beigefügten Poster entnommen werden.

Fragen zum Inhalt des Lehrgangs können gerne an mich persönlich gerichtet werden:

gibukai@gmx.de

© Henning Wittwer

Donnerstag, 21. November 2013

Neues Buch über Funakoshi Gichin und Funakoshi Yoshitaka

"Welches Buch kannst Du zum Einstieg in die Karate-Geschichte empfehlen?"

Diese Frage hörte ich öfter, konnte sie auf Grund mangelhafter Literatur aber nur schwer beantworten. Irgendwann beschloss ich, einfach selbst ein Buch zusammenzustellen, das einen guten Einstieg in die Problematik der Karate-Geschichte bildet. Nun ist es fertig und erhielt den Titel:

"Funakoshi Gichin & Funakoshi Yoshitaka: zwei Karate-Meister"

Bestellt werden kann es direkt beim Verlag:

https://www.epubli.de/shop/buch/Funakoshi-Gichin--Funakoshi-Yoshitaka-Henning-Wittwer-9783741814273/52378

© Henning Wittwer

Sonntag, 23. Juni 2013

Keiko in Freiberg

Schönstes Sommerwetter ließ beste Trainingsbedingungen erahnen, als ich vor kurzem mit zwei Mittstreitern von Niesky aus ins sächsische Freiberg aufbrach. Dort empfing uns erneut Rico Fuchs, einer meiner Trainingspartner, für ein gemeinsames Keiko. Tatsächlich waren die Rahmenbedingungen optimal und mit zartem Blütenduft in der Luft begann ich mit den Kata Bassai (Dai) und Sakugawa no Kon. Neben dem Festigen bereits bekannter Punkte legte ich auf ein besseres Verständnis der Körperstruktur in Bewegung Wert und wies auf „Neuerungen“ in der Ausführung hin, die auf Funakoshi Yoshitaka Sensei zurückgehen.


Die Körperstruktur und den „Karate-Körper“ (wie es mein Lehrer, Harada Mitsusuke Sensei, nennt) ging ich schwerpunktmäßig auch im Partnertraining an. Dabei war der Ausbau der Standfestigkeit als Grundlage für entspannte, wirksame Techniken das Trainingsziel: wie sieht die dafür bestmögliche Körperstruktur aus und wie nutze ich den „Karate-Körper“ richtig? An diesen Fragen arbeiteten wir eingehend und vergaßen dabei fast die Zeit …

Am Rande waren bei den ausgewählten Übungen auch Timing und Abstandsgefühl von Bedeutung. Daher konnte/mußte beides mittrainiert und verbessert werden. All diese Punkte können nur in einem sehr persönlichen Training vermittelt und geübt werden. Insgesamt war es wieder ein sehr lohnenswerter und angenehmer Ausflug.

Die beigefügten Bilder sind Schnappschüsse, die zumindest einen kleinen Eindruck von unserem Keiko in Freiberg vermitteln sollen.

© Henning Wittwer

Sonntag, 14. April 2013

Basel-Lehrgang 2013


Einen Monat nach meinem Karate-Lehrgang in Niesky machte ich mich auf den Weg nach Basel, um in dieser schönen Stadt in der Schweiz meinen zweiten Lehrgang zu leiten.

Thematisch ging es wie beim erstenmal um den Stock im orthodoxen Shōtōkan-Ryū, d. h. im älteren, Nicht-Sport-Karate der Shōtōkan-Linie. Insbesondere rückte ich dabei die Verbindung von Bewegungen ohne Waffen („Kara-Te“) und mit Waffen (in diesem Fall dem ) in den Mittelpunkt.


Die Teilnehmer aus drei Ländern und drei Verbänden/Gruppierungen waren wirklich sehr konzentriert und interessiert bei der Sache, so daß es mir leicht fiel, schrittweise auch zu etwas komplexeren Übungen überzugehen. Wir betrachteten z. B. Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum rechten Abstand (Maai) mit und ohne Stock, zum Timing und übten diese Punkte mittels fassbarer Übungsformen.



Ich freute mich darüber, viele bekannte Gesichter wiedersehen, aber auch neue Bekanntschaften schließen zu können.


Dankeschön und Merci bien nach Basel!

© Henning Wittwer

Freitag, 8. März 2013

Niesky 2013: Shōtōkan-Stock Nummer 9


Vergangenes Wochenende leitete ich zum neunten Mal einen Karate-Lehrgang in Niesky. Thema war der Stock ( bzw. Kon) des Shōtōkan-Ryū. Alle Stock-Kata des Shōtōkan-Ryū weisen technische und gestuelle Unterschiede zu ihren Namensvettern aus anderen Richtungen auf (Matayoshi Kobudō usw.). Diese wichtige Erkenntnis vermittelte ich quasi als aller erstes an die interessierten Neulinge.

Alle Teilnehmer erhielten eine Einführung in die Lehre und in die geschichtlichen Hintergründe des Stocks im historischen Shōtōkan (1938–1945).

In der Gruppe der Neueinsteiger lernten und übten wir die Kata Shūji no Kon einschließlich vieler zugehöriger Partnerübungen – Kumibō.

Einige von Funakoshi Gichin Senseis Bō-Dori, d. h. unbewaffnete Verfahren gegen -Träger, erklärte ich in der zweiten Gruppe. Sie stellen einen vergleichsweise hohen Schwierigkeitsgrad dar und sind ohne Wissen um die kulturgeschichtlichen Zusammenhänge (die Bunkaiisten zu gerne ignorieren oder falsch darstellen) kaum nachvollziehbar.

Dazu stand in dieser Gruppe Sakugawa no Kon auf dem Programm, die wir mit Hilfe vieler Kumibō betrachteten und vertieften.

Da alle Teilnehmer sehr wissbegierig und aufmerksam bei der Sache waren, lief der Lehrgang reibungslos ab. Laut den Rückmeldungen, die ich erhielt, konnte jeder mit neuen praktischen und theoretischen Erkenntnissen im Gepäck nach Hause zurückkehren.

Danke nach Stralsund, Plauen, München, Leipzig, Dessau, Freiberg und selbstverständlich Niesky!

© Henning Wittwer