Mittwoch, 5. September 2018

Eindrücke vom Shōtōkan-Stock-Lehrgang 2018 in Ilmenau

Anfang September 2018 folgte ich einer freundlichen Einladung nach Thüringen, um dort einen Karate-Lehrgang zum Thema Stock im Shōtōkan-Ryū abzuhalten. Begleitet wurde ich von meinem Trainingspartner Rico Fuchs und heiterem Wetter, das offenbar für Ilmenau untypisch ist.

Für fast alle Teilnehmer war es die erste Begegnung mit dem Shōtōkan-Stock, und daher begann ich den Lehrgang mit einem kurzen geschichtlichen Überblick, bei dem ich ein paar der Hauptgründe für das Fehlen des Stocks in den heute stärker verbreiteten Shōtōkan-Organisationen benannte. Gleichzeitig wies ich auf seine technische Bedeutung im historischen Shōtōkan (1938–1945) und folglich auch für heutige Übende hin.

Shūji no Kon, die grundlegende Stock-Kata des Shōtōkan-Ryū, war das Thema dieser Fortbildung, zu der sich Teilnehmer aus drei, vier verschiedenen Shōtōkan-/Shōtōkai-Gruppen zusammenfanden. Ich konzentrierte mich auf das Vermitteln des Ablaufs dieser Kata, einiger Probleme der damit einhergehenden Körpermechanik und verschiedener passender Partnerübungen (Kumibō).

Erfreulich für mich war die wissensdurstige, aufmerksame und aufgeschlossene Trainingsatmosphäre, die es mir leicht machte, den geplanten praktischen und theoretischen Stoff weiterzugeben. Auch die tadellose Organisation fiel mir positiv auf.

Am Rande kamen natürlich auch weitere begriffliche und historische Fragen über Karate zur Sprache, deren Beantwortung, so hoffe ich, auf dem künftigen Karate-„Weg“ eine Hilfestellung sein wird …


Dankeschön nach Ilmenau!

© Henning Wittwer

Montag, 27. August 2018

Zur Vertiefung von Theorie & Praxis des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū

Am 14. August 2018, kam der dritte Band meiner Reihe „Shōtōkan – überlieferte Texte & historische Untersuchungen“ heraus. Er enthält wieder viele wichtige Hilfestellungen von den frühen und damit tatsächlich maßgeblichen Lehrkräften der Shōtōkan-Strömung, wie beispielsweise
  • ein Lehrgedicht aus Funakoshi Gichin Senseis „Bubishi“,
  • Ratschläge von Funakoshi Yoshitaka Sensei oder
  • ausführliche Erklärungen zum Konzept des Kiai im Karate von Funakoshi Gichin Sensei selbst.
Diese und andere im Buch vorgestellte Lehrtexte sind bis heute in Deutschland (aber auch in der restlichen Karate-Welt) quasi unbekannt. Damit blieben die Inhalte verschlossen, was natürlich zu dem heutzutage so oberflächlichen und beschränkten Karate-Verständnis beitrug.

Neben den überlieferten Texten stelle ich wie immer auch Betrachtungen über geschichtliche Hintergründe des Karate der Funakoshi-Linie an, die zur Vertiefung von Theorie & Praxis des Karate-Dō Shōtōkan-Ryū beitragen sollen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Alle Informationen zu „Band III“ gibt’s hier:

https://www.gibukai.de/buch-shop/shōtōkan-überlieferte-texte-historische-untersuchungen-band-iii/

Zu „Band II“ hier:

https://www.gibukai.de/buch-shop/shōtōkan-überlieferte-texte-historische-untersuchungen-band-ii/

Und zu „Band I“ hier:

https://www.gibukai.de/buch-shop/shōtōkan-überlieferte-texte-historische-untersuchungen-band-i/

© Henning Wittwer

Donnerstag, 5. Juli 2018

Druckauftrag „Band III“

Heiteres Sommerwetter und ein laues Lüftchen waren heute meine Begleiter auf dem Weg zur Druckerei, um den Druck meines neuen Buches „Shōtōkan – überlieferte Texte & historische Untersuchungen. Band III“ in Auftrag zu geben. In demselben kleinen Betrieb werden seit 2007 meine Werke hergestellt. Es handelt sich um eine bereits 1833 gegründete, deutsche Druckerei mit Tradition. Für langanhaltende Lesefreude ist natürlich vor allem der Inhalt des Buchs von Bedeutung, aber – wie ich finde – auch ein ordentlich gedrucktes und gebundenes Buch …

© Henning Wittwer

Sonntag, 27. Mai 2018

Gasshuku

Meist im Sommer kommt diese besondere Zeit ...

Im Laufe eines Karate-Übungsjahrs bildet für mich ein Gasshuku den Höhepunkt. Regelmäßiges Keiko ist grundlegend wichtig, ohne Frage! Durch ein Gasshuku kann und wird dieses aber zusätzlich auf eine höhere Stufe befördert, da es das regelmäßige Training auf gebündelte Weise vertieft.

Historisch betrachtet waren Gasshuku interne, mehrtägige Trainingslager für Mitglieder des Karate-Klubs einer Universität oder eines privaten Dōjō. Später kamen eher kommerzielle Angebote („Karate-Urlaub“) hinzu, doch auf solche Veranstaltungen beziehe ich mich hier nicht.

Dem Wortsinn nach beinhaltet ein Gasshuku das gemeinsame Logieren mit Mitgliedern der eigenen Übungsgruppe, meinen Trainingspartnern also. Idealerweise ist es mit einem Verreisen verbunden, um räumlichen Abstand zum Trainingsalltag sowie ein nur auf Karate „begrenztes“ Umfeld zu schaffen. Die „Abgrenzung“ soll den Teilnehmern schlicht zu Zweierlei verhelfen: zu einer möglichst vollkommenen Konzentration auf das Keiko und zu optimalen Trainingsbedingungen durch die Möglichkeit an einem Ort schlafen, essen und trainieren zu können.

Um mein eigenes Training beim Gasshuku wirklich ausbauen zu können, sind meine Trainingspartner unabdingbar. Sowohl die ausgedehnten Trainingseinheiten mit ihren herausfordernden Inhalten als auch das – wenn auch kurzzeitige – Zusammenleben erfordern ein gewisses Maß an gegenseitigem Vertrauen. Daher ist von vornherein ausgeschlossen, dass Außenstehende an einem Gasshuku teilnehmen können. Durch den vertrauten Umgang und das gegenseitige Motivieren im Keiko entsteht ein Nebeneffekt, der Neudeutsch als „Teambuilding“ bezeichnet wird, eine Verstärkung der Bindung untereinander und zum gemeinsam verfolgten Karate-Ziel.

Wichtig ist neben dem eigentlichen Training, dass während eines Gasshuku eine bessere Erholung nicht nur nötig, sondern auch möglich ist. Aufgrund der äußeren Umstände eines Gasshuku fehlt nämlich die allgegenwärtige Ablenkung durch Schule, Universität, Arbeit, Familie, Haushalt und Technostress.

Faszinierend ist außerdem, wie stark sich diese Abwechslung vom Trainingsalltag und der Abstand zum Alltag insgesamt in der Zeit nach einem erfolgreich durchgeführten Gasshuku auswirken können. Meine eigenen Fortschritte und die meiner Trainingspartner liefern in den darauffolgenden Wochen eine inspirierende, neue  Basis für den weiteren Übungsweg.

© Henning Wittwer

Mittwoch, 18. April 2018

Ein paar Eindrücke vom Nieskyer Karate-Lehrgang 2018

Nun habe ich ein paar Fotos von meinem jährlichen Karate-Lehrgang in Niesky Anfang März erhalten und möchte ein paar Eindrücke teilen. Was genau war los? Auf dem Plan standen praktische und theoretische Einblicke in das Karate-Dō Shōtōkan-Ryū. Genauer geschrieben ging es an zwei Tagen um die Shōtōkan-Formen Shūji no Kon für Erstmitmacher und Matsukaze no Kon für Erfahrene. Erfahrungen auf dem Feld des Shōtōkan-Stocks gehören in Deutschland zu den Grenz- oder vielleicht besser seltenen Erfahrungen, da er hierzulande quasi unbekannt ist und folglich nicht unterrichtet wird. Daher freute ich mich ungemein, dass auch dieses Jahr – trotz dieser widrigen Ausgangslage – Wissensdurstige aus vier verschiedenen Shōtōkan-Gruppierungen den teilweise weiten Weg nach Niesky nicht scheuten.


Wie sich der Stock aus geschichtlicher, philosophischer und methodischer Sicht in das Lehrgebäude des Shōtōkan-Ryū eingliedert(e), gehörte zu meinen theoretischen Ausführungen (neben ganz praktischen Fragen wie dem Unterschied zwischen einer Gardinenstange und einem Karate-Stock). Dies ist deshalb nicht unwichtig, weil Karate nicht vom Himmel fiel, sondern über nachweisbar mehrere Generationen tradiert wurde. Ja, daher kommt das Wort „Tradition“ im Karate eigentlich … Jedenfalls konnte es so Erfahrungen (Wissen und Können) mehrerer Karate-Adepten bündeln, was mir am Ende der Kette von Nutzen ist. Richtig gelernt und geübt, handelt es sich also um eine tiefgründige Sache.

Funakoshi Yoshitaka Sensei stellte Matsukaze no Kon als echtes Markenzeichen des historischen Shōtōkan (1938–1945) zusammen, weswegen diese Kata eine wichtige Grundlage zum Verstehen dessen darstellt, was Shōtōkan-Ryū eigentlich ist. Teilnehmer der Gruppe B waren bereits mit Matsukaze no Kon vertraut, so dass ich auf diesem Wissen aufbauen konnte. Körpereinsatz (nach Shōtōkan-Art) sowie Partnerübungen mittels Matsukaze no Kon waren in dieser Gruppe das Hauptaugenmerk. Hinzu kamen einige Bō-Dori und die in Matsukaze enthaltene Technik des Sandschnippens ohne Partner aber mit Sand.

Shōtōkan-Ryū gehört zu den methodischeren Schulrichtungen des Karate (zumindest auf dem grundlegenden Niveau der Solo-Kata), weswegen eine kurze und übersichtliche Kata namens Shūji no Kon zum Einstieg in den Umgang mit dem Stock gelehrt wird. Und genau diese Form (nach Shōtōkan-Art) lernten die Teilnehmer der Gruppe A neben zugehörigen Partnerübungen und Hinweisen zu den Verbindungen zwischen Bewegungen mit leeren Händen (Plural!) und Stock.

Für mich ist es ein Leichtes, Lehrstoff an interessierte und fleißige Karateka weiterzugeben. Und erfreulicherweise waren eben solche anwesend.


Dankeschön nach Hamburg, Potsdam, Berlin, Ilmenau, Leipzig, Dessau, Dippoldiswalde und natürlich Niesky! 

© Henning Wittwer

Montag, 8. Januar 2018

Shōtōkan Stock Lehrgang am 10. & 11. März 2018 in Niesky

Am zweiten Märzwochenende 2018 wird ein weiterer Karate-Lehrgang mit mir zum Thema Stock ( bzw. Kon) im Shōtōkan-Ryū stattfinden. Es wird wieder eine Gruppe A für Neulinge auf dem Gebiet des Shōtōkan-Stocks und eine Gruppe B für alle, die meine Lehrgänge bereits besucht haben, geben. Teilnehmen können Anhänger aller Shōtōkan- und Shōtōkai-Richtungen, die dazulernen möchten. Da die Teilnehmerzahl beschränkt ist, ist eine vorherige Anmeldung erforderlich.


© Henning Wittwer

Sonntag, 22. Oktober 2017

Ten no Kata

Ten no Kata gehört zu den jüngsten Kata des Shōtōkan-Ryū und damit zu den technisch wie historisch am besten nachvollziehbaren Kata, eigentlich jedenfalls … Häufig zu sehende Änderungen bzw. Fehler in heutigen Ausführungen stammen meist nicht von einer Institution, sondern von den Vorführenden selbst, entweder aufgrund von Verständnismangel oder weil sie sie aus „besserem Wissen“ heraus eigenständig einbrachten. Was ich hier über diese Kata schreibe, ist keine Anleitung zum Nachmachen! Meine Worte sollen dem Vergleich und als Gedächtnisstütze für bereits Gelerntes dienen. Die Fotos zeigen die Übung von Kernpunkten für Uke (Annahmen) und Oi-Zuki, die mittels Ten no Kata unterrichtet werden.

Am einfachsten kann der sichtbare Ablauf dieser Form verbessert werden, wobei ich mich auf die ursprüngliche Art der Ausführung beziehe. Wichtig ist aber, dass Worte – auch bei so einer „einfachen“ und „oberflächlichen“ Technikbeschreibung wie hier – falsch aufgefasst werden können.

Nun, die Reihenfolge für Ten no Kata Omote lautet:
Chūdan Oi-Zuki
Jōdan Oi-Zuki
Chūdan Gyaku-Zuki
Jōdan Gyaku-Zuki
Gedan-Barai • Chūdan-Zuki
Chūdan Ude-Uke • Chūdan-Zuki
Chūdan Shutō-Uke • Chūdan-Nuki
Jōdan Shutō-Barai • Jōdan-Zuki
Jōdan Age-Uke • Chūdan-Zuki
Jōdan Uchi-Komi • Chūdan-Zuki
Ten no Kata Ura folgt der Reihenfolge des zweiten Blocks. In beiden Fällen wird dabei jeder Schritt je einmal mit beiden Beinen durchgeführt. Immer wird der erste Schritt so ausgeführt, dass die rechte Hand zuerst die Angriffstechnik ausführt.

Bei den Tsuki am Anfang besteht der gestuelle Hauptfehler darin, dass die Vorführenden die Tsuki-Hand zuerst zurückziehen (entweder ganz zur Hüfte oder nur ein wenig während der Bewegung). Tatsächlich wird der Tsuki-Arm so wie er ist in einer „pendelnden“ Bewegung ansatzlos nach vorn geführt. Die jeweils andere Hand wird ebenso ansatzlos zurückgezogen (ohne so einer Vorbereitungs- / Aushol- / Abwehrbewegung).

Fast alle Schritte werden in der Grundform in den Fudō-Dachi gesetzt. Ausnahmen sind die ersten Oi-Zuki, die mit Zenkutsu-Dachi ausgeführt werden, sowie die Chūdan Shutō-Uke, die in Kōkutsu-Dachi ausgeführt werden.

Abgesehen davon ist wichtig, dass die Grundform der Ten no Kata nicht das Ende der Fahnenstange darstellt. Vielmehr können einzelne Bewegungen oder der gesamte Ablauf dem aktuellen Übungsziel in einer Übungseinheit gemäß herausgelöst, auseinandergenommen, „verändert“ werden und so als Übungsgrundlage fungieren. Das setzt aber voraus, dass erstmal die eigentliche Grundform richtig vermittelt wird …

Genau damit haperte es auch in Japan, nicht nur hier und jetzt. In der portugiesischen Übersetzung eines Texts von Egami Shigeru Sensei wird angedeutet, dass Egami Sensei selbst empfiehlt, Taikyoku und Ten no Kata aus dem Lehrplan zu streichen. Im Gegensatz dazu lautet Egami Senseis Aussage im japanischen Originaltext, dass heutzutage niemand mehr in der Lage sei, Ten no Kata auszuführen. Daher solle ihre Übung solange eingestellt werden, bis die Übenden körperlich in der Lage wären, sie wieder – und nun richtig – zu trainieren.

Selbstverständlich ist das ein großer Unterschied. Eben jene körperlichen Voraussetzungen zum richtigen Üben von Ten no Kata lassen sich leider nicht mit Worten beschreiben. Ebenso wenig kann ich schriftlich erklären, welche ungewöhnlichen Auswirkungen richtiges Üben von Ten no Kata auf die eigene Karate-Entwicklung haben kann. Sie betreffen jedenfalls den „Karate-Körper“ und hängen unabdingbar mit der Praxis des Fudō-Dachi zusammen. Da Ten no Kata als grundlegende Kata am „Anfang“ des Trainings im Karate-Dō Shōtōkan-Ryū steht (was nicht bedeutet, dass ihre Übung für „Fortgeschrittene“ an Bedeutung verliert!), wirkt sich das mittels ihrer Hilfe angeeignete Wissen und Können auf alles aus, was im Lehrgebäude folgt.

Schließlich möchte ich noch darauf hinwiesen, dass ich in meinem „Band II“ ausführlich auf historische Hintergründe bezüglich Ten no Kata eingehe.

© Henning Wittwer